Betreuung Ein Lachen als schönstes Geschenk

Der kleine Hans kann sich geborgen fühlen bei Mama Claudia und Kinderkrankenpfleger Wolfgang Gerber.
Der kleine Hans kann sich geborgen fühlen bei Mama Claudia und Kinderkrankenpfleger Wolfgang Gerber. © Foto: Ferdinando Iannone
Stuttgart / Nadja Otterbach 23.12.2017

Auf einem Schild an der Tür steht mit Handschrift geschrieben: Hier wohnt Hans. Doch das Gitterbett ist leer. Ein paar Türen weiter im Wohnzimmer sitzt eine kleine Gruppe am gedeckten Frühstückstisch. Es riecht nach frischen Brötchen, nach Kaffee und Weihnachtsplätzchen. Es ist kurz nach 9 am Morgen, ein Freitag. Erst eine Woche ist vergangen, seit das stationäre Kinder- und Jugendhospiz Stuttgart eröffnet wurde. Die ersten vier Familien sind eingezogen.

Auch Hans ist seit sechs Tagen mit Mutter Claudia im Haus. Der vierjährige Junge aus Freiburg sitzt auf dem Schoß von Heilpädagogin Elke Schmalzriedt. Sie scherzt mit ihm, kitzelt und knuddelt. Mutter Claudia steht lächelnd daneben. Sie wirkt entspannt. „Wenn ich sehe, dass es Hans gut geht, geht es auch mir gut“, sagt die 33-Jährige.

Hans ist auf dem Entwicklungsstand eines Säuglings. „Er ist ein fröhliches und lebendiges Kind, auch wenn er sich nicht bewegen kann“, erzählt Claudia. Und fügt hinzu, weil das nur sie erkennen kann: „Jetzt lächelt er.“ Hans´ Mund ist geöffnet, seine braun-grünen Augen blicken in die Ferne.

Enorme Entlastung für Eltern

Die Geschichte ihres Sohnes schildert Claudia in knappen Sätzen, Details lässt sie weg. Hans war gesund zur Welt gekommen, ein aktives Baby. Seit er mit zehn Monaten einen Unfall hatte, ist er mehrfach schwerbehindert, muss nonstop medizinisch überwacht werden. Ihr Leben beschreibt die Freiburgerin als unglaublich anstrengend. „Man gewöhnt sich nicht daran.“

Im stationären Kinder- und Jugendhospiz, der ersten und bisher einzigen Einrichtung dieser Art in Baden-Württemberg, tankt sie Kraft. Sie kann ausschlafen, in Ruhe frühstücken, ein Bad nehmen, auch mal alleine in die Stadt fahren. „Es ist für mich eine enorme Entlastung“, sagt sie, „alles dreht sich den ganzen Tag um Hans. Das spürt und genießt er.“

In den Fluren der denkmalgeschützten Villa im Stuttgarter Osten stehen Tannenbäume. Dreh- und Angelpunkt ist das Wohnzimmer in der ersten Etage, zu dem auch eine offene Küche gehört.

Mittag- und Abendessen werden im Untergeschoss serviert an großen runden Tischen. Tür an Tür reihen sich hier Bewegungs-, Kreativ- und Musikräume, ein kleiner beheizter Pool sowie ein Sinnesraum mit Lichtkugeln und Aromadüften. Der schlicht gehaltene Abschiedsraum – auf dem Kühlbett liegen Kissen mit Engelsflügeln – lässt Besucher unweigerlich daran denken, dass es im Hospiz auch ums Sterben geht.

Die Kinder und Jugendlichen, die in das Haus in der Diemershaldenstraße ziehen, leiden unter lebensbegrenzenden Krankheiten. Anders als in den meisten Erwachsenen-Hospizen kommen sie jedoch nicht nur, um ihre letzten Tage dort zu verbringen. Die Arbeit des Hospiz-Teams beginnt nicht erst, wenn der Tod nah ist.

„In erster Linie wollen wir Halt geben, die Familien unterstützen“, sagt Beate Barthel, die stellvertretende Leiterin der stationären Einrichtung. Eltern sollen sich von dem alltäglichen Marathon an Erledigungen erholen, ihr Schicksal verarbeiten können. Erkrankt ein Kind schwer, müssen Eltern von einem Tag auf den anderen Dinge bewältigen, die sie nicht gelernt haben, weiß Bar­thel. Da bleibe kaum Zeit für Freunde oder Hobbys. Häufige Folgen, so die 58-Jährige: gescheiterte Ehen und Geschwisterkinder, die unter dem Zeitmangel ihrer Eltern leiden.

Dreiviertel des 40-köpfigen stationären Kinder- und Jugendhospiz-Teams sind Pflegekräfte, die anderen Pädagogen und Hauswirtschaftsmitarbeiter. Gelacht wird viel, für die Mitarbeiter hat die Arbeit im Hospiz offenbar nichts Bedrückendes. Ein Satz fällt immer wieder: „Es kommt viel zurück von den Kindern.“ Ihr Lächeln sei das größte Geschenk.

Die Sonne scheint durch die Fenster, Zeit für einen Spaziergang. Pfleger Wolfgang Gerber schiebt Hans im Buggy nach draußen. Mutter Claudia folgt ihm. Sie hofft, dass sie unterwegs auf viel Kopfsteinpflaster treffen werden. Dieses Durchgerütteltwerden, das bringt ihren Hans zum Lächeln. „Man kann ihm keine größere Freude machen.“ Und wenn ihr Sohn zufrieden ist, dann ist Claudia es auch.

Ehrenamtliche helfen mit

Mitte November wurde das Kinder- und Jugendhospiz im ehemaligen Institut Francais eröffnet. Seit Anfang Dezember können Familien die stationäre Einrichtung nutzen. Bis zu acht Kinder und Jugendliche mit lebensverkürzenden Krankheiten wohnen mit ihren Eltern und Geschwistern gleichzeitig im Hospiz. Die Krankenkassen finanzieren 28 Tage im Jahr.

Seit der Eröffnung mehren sich die Angebote der Bürger, sich im Hospiz zu engagieren, berichtet Pflegedienstleiterin Michaela Müller. Für Ehrenamtliche ist ein Kurs mit 108 Unterrichtseinheiten Pflicht. 64 ausgebildete Freiwillige gehören zum Team. Der nächste Kurs ist ausgebucht. nad

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel