Stadtentwicklung Ein Kulturquartier als Eingangstor zum neuen Viertel

Auf dem Gleisvorfeld des Hauptbahnhofs soll ein neues, 85 Hektar großes Stadtviertel entstehen.
Auf dem Gleisvorfeld des Hauptbahnhofs soll ein neues, 85 Hektar großes Stadtviertel entstehen. © Foto: Manfred Grohe
Von Dominique Leibbrand 25.10.2017

Mit Visionen für Stuttgarts neues Stadtviertel, das Rosensteinquartier, hat sich Fritz Kuhn (Grüne) lange zurückgehalten. Vor Kurzem kam dann doch ein Vorstoß, den der SPD-Fraktionschef im Gemeinderat, Martin Körner, der mit Kritik am OB sonst nicht spart, als „eine ganz schöne Ansage“ bezeichnet, die ambitioniert, aber begrüßenswert sei.

Auf dem Areal, auf dem heute noch Züge fahren, will Kuhn nach der Fertigstellung des neuen Tiefbahnhofs Stuttgart 21 ein neues Kulturquartier entwickeln. Gleich drei Neubauten kann er sich dort vorstellen: ein Kongresszentrum, ein Konzerthaus sowie den Neubau des Lindenmuseums, das dann als „Haus der Kultur der Welt“ firmieren soll. Allesamt Gebäude, die in der Stadt seit langem gefordert werden. Sie könnten direkt hinter dem Bahnhof entstehen und somit das Eingangstor zum neuen Stadtquartier bilden, das nach Kuhns Dafürhalten ausreichend Platz für seine Pläne bietet.

85 Hektar freie Fläche

Insgesamt wird durch die Tieferlegung der Gleise zwischen Hauptbahnhof, Neckar und Pragtunnel eine Fläche von 85 Hektar frei, die die Stadt frei gestalten kann. Ist S 21 fertig, sollen die oberirdischen Gleisanlagen zurückgebaut werden. Ein „modellhaftes Quartier“ soll dort entstehen, „das nicht allein den heute gängigen städtebaulichen Leitbildern und dem aktuellen Stand der Technik entspricht, sondern darüber hinaus in die Zukunft weist“, so das Ziel der Stadt. Neue Formen von Wohnen, Arbeiten und Mobilität will man schaffen – auch im Zuge der Internationalen Bauausstellung 2027 „StadtRegion Stuttgart“. Zentrale Ziele sind zudem eine deutliche Erweiterung des Schlossgartens sowie der Bau von mindestens 7500 Wohneinheiten.

Noch ist das alles graue Theorie, doch allmählich nehmen die Planungen konkretere Formen an. Den Auftakt bildet ein Ideenwettbewerb im kommenden Jahr. Er richtet sich an Architekten, Städte- und Landschaftsplaner, die ein Zukunftsbild für das Quartier entwickeln sollen. Die Stadt erhofft sich Antworten auf Fragen nach einer geeigneten Parkerweiterung, moderner Infrastruktur und kulturellen Einrichtungen. Ergebnisse sollen bis Ende 2018 stehen und als Grundlage für den weiteren Prozess dienen.

Im nächsten Schritt folgen Wettbewerbe für Teilbereiche des Quartiers beziehungsweise Architektenwettbewerbe, darunter für das von Kuhn favorisierte Kulturquartier oder auch das Vorfeld des Hauptbahnhofs, für das als wichtiger Knotenpunkt adäquate Lösungen gefunden werden sollen.

Die Wettbewerbe sollen bis Ende 2019 abgeschlossen sein. Bis Ende 2021 will die Stadt die Bebauungsplanverfahren beenden, „um eine zügige Realisierung des Rosensteinquartierts zu gewährleisten“, wie es in einer Beschlussvorlage heißt, die der Ausschuss für Umwelt und Technik am Dienstag mehrheitlich abgesegnet hat. Die Resultate einer Bürgerbeteiligung, die ins „Memorandum Rosenstein“ geflossen sind, sollen bei der Gestaltung des Viertels ebenfalls berücksichtigt werden.

Ein entscheidender Haken allerdings bleibt: Das alles hängt von der rechtzeitigen Fertigstellung des Tiefbahnhofs ab, weshalb die Stadt auf eine „zügige Fertigstellung drängt“. Die Bahn hält zwar nach wie vor an einer Realisierung bis Ende 2021 fest. Ob dieser Termin gehalten werden kann, ist allerdings mehr als fragwürdig. Die Bebauung der Gleisflächen inklusive Internationaler Bauausstellung könnte damit in weitere Ferne rücken.

Alles hängt an Stuttgart 21

Grund genug für die Fraktion SÖS-Linke-Plus im Gemeinderat, die aktuellen Pläne zum Rosenstein nicht zu unterstützen. Für die Fraktion, die Stuttgart 21 ablehnt, bleiben zu viele Fragezeichen – vom Fertigstellungstermin des Bahnprojekts bis zur Frage, wie lange der Rückbau der Gleise dauert. Zudem müsse eine einjährige Testphase eingerechnet werden, in dem man schaue, ob S 21 überhaupt funktioniere, sagte Luigi Pantisano. Er kritisierte auch Kuhns Vorstoß in Richtung Kulturquartier, weil er die Bürgerbeteiligung dabei vermisst. „Wo steht im Memorandum, dass auf dem Gleisfeld hinter dem Bahnhof ein Kulturquartier entsteht? Oder ist das nur eine Idee des OB?“

Wettbewerb für B 14 ebenfalls in Vorbereitung

Stadtautobahn Nicht nur fürs Rosensteinviertel, sondern auch für die B 14, Stuttgarts Stadtautobahn, steht ein städtebaulicher Wettbewerb an. Die Stadtverwaltung erarbeitet dafür derzeit Vorschläge. Ziel: Die B 14, über die täglich mehr als 100 000 Fahrzeuge rauschen und die Stuttgarts Kultureinrichtungen wie Oper oder Staatsgalerie voneinander trennt, sowie ihr Umfeld sollen entscheidend umgestaltet werden. Die trennende Schneise soll nach Angaben der Stadt aufgehoben, der Autoverkehr soll zugunsten von Flanierzonen zurückgedrängt werden. Eine Reduktion von 20 Prozent wird angepeilt, neue Wege für Fußgänger und Radler sowie neue Grünflächen sollen stattdessen geschaffen werden.

Zieldiskussion Bevor der Wettbewerb ausgelobt werden kann, soll die Vorschläge der Verwaltung im Gemeinderat diskutiert werden. Ebenfalls vor der Auslobung soll zudem eine möglichst breite öffentliche Debatte stattfinden, mit verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren soll eine Zieldiskussion über planerische Eckdaten geführt werden. dl