In der Karteikarte von Otto Eberwein, Student der Architektur, steht in Handschrift unter dem Datum vom 8. Juli 1933: „Wird zu keiner Prüfung mehr zugelassen.“ Begründet wird das vom Prüfungsamt der Technischen Hochschule Stuttgart mit einem Wort: „Kommunist“ heißt es auf der Karteikarte weiter unten in roter Schrift.

Für Eberwein war schon gleich nach dem Beginn der Hitler-Diktatur das Studium beendet, obwohl er kurz vor dem Abschluss war. Die Hochschulleitung hatte erfahren, dass er Mitglied der Roten Studentengruppe war. Und so wurde Eberwein von der Hochschule geworfen. Nach dem Krieg gab es für ihn eine Wiedergutmachung: Die TH Stuttgart händigte ihm auf Antrag ein Diplomzeugnis aus. Eberwein machte später Karriere in der Verwaltung der damaligen Provinz Hannover.

Eberweins Schicksal war eines von vielen während der NS-Zeit an der TH Stuttgart. In einem dreijährigen Projekt hat der Leiter des Universitätsarchivs, Norbert Becker, erforscht, wem zwischen 1933 und 1945 an der TH, der Vorläuferhochschule der Uni, Unrecht angetan worden ist. Seine Erkenntnisse hat Becker in einem Buch auf 590 Seiten niedergeschrieben. Insgesamt  ermittelte er 440 Personen, die verfolgt oder schikaniert worden sind. 301 Personen kann mit mit dem Namen benennen.

Juden wurden exmatrikuliert

In einer Gedenkveranstaltung mit 300 Gästen bat Rektor Wolfram Ressel am Montagabend alle Angehörigen der Verfolgten förmlich um Entschuldigung für das Unrecht, „das sie und ihre Angehörigen in der Zeit des Nationalsozialismus durch die Universität Stuttgart erleiden mussten“.

Betroffen vom nazistischen Unrecht waren unterschiedliche Gruppen an der Hochschule. Es traf Professoren wie den Radiotechniker Immanuel Gottlob Herrmann. Wegen seiner Mitgliedschaft im freidenkerischen Monistenbund wurde der ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete als Landesverräter im März 1933  in „Schutzhaft“ genommen und vier Monate später aus dem Staatsdienst entlassen.

Studierende wurden wie der in Esslingen aufgewachsene Jude Georg Liebel aus rassistischen Gründen exmatrikuliert, andere wie Eberwein wegen seines politischen Engagements. Elf Prozent der Professoren und mindestens neun Prozent der Assistenten wurden entlassen. Drei Wissenschaftlern entzog die Hochschule die Doktorgrade. Politikern wie dem früheren württembergischen Staatspräsidenten Eugen Bolz, der später als Widerstandskämpfer hingerichtet wurde, erkannte die Hochschule die Ehrenbürgerschaft ab.

So leistete Becker zufolge die Hochschule einen Beitrag dazu, um diese vor der Nazi-Diktatur Geehrten vor der Bürgerschaft herabzuwürdigen.

Mindestens 292 Ausländer wurden an die Hochschule zur Zwangsarbeit beordert.   Darunter Michael Bakscha, dessen Herkunft nicht eindeutig geklärt werden konnte. Nach den den aufgefundenen Dokumenten war der „Ostarbeiter“ am Forschungsinstitut für Kraftfahrwesen und Fahrzeugmotoren eingesetzt. Die Hochschulangehörigen behandelten die Zwangsarbeiter unterschiedlich. Manche litten Hunger und waren schlecht versorgt mit Kleidung.

Eine Erkenntnis von Becker: Die Verfolgung und Entrechtung war hausgemacht, sie ging von der Hochschule selbst aus. Als Täter ermittelte er Rektoren, Studierende, Mitarbeiter der Verwaltung, NS-Studentenführer und NS-Dozentenführer. Als besonders eifrig darin, die Vorgaben der NS-Behörden zu exekutieren und die Hochschule gleichzuschalten, zeigte sich Wilhelm Stortz, Rektor von 1935  bis 1938. Sein Vorgänger war der Historiker Helmut Göring, ein Vetter des Reichsmarschalls Hermann Göring. Im Entnazifizierungsverfahren stufte die Spruchkammer Göring als „Mitläufer“ ein. Becker kommentiert diesen Spruch so: Göring habe eine starke Tendenz gehabt, „die Wirklichkeit zu seinem Vorteil darzustellen“.

Nach Angaben von Becker ist die Universität Stuttgart die erste Hochschule,  die das Schicksal jedes geschädigten Mitglieds der Hochschule nachzeichnet, das namentlich erfasst worden konnte. Allerdings sei die jetzige Dokumentation nicht vollständig. Rektor Ressel hält es für „wahrscheinlich, dass die Dunkelziffer sehr groß ist“.

Infokasten


Spruchkammerakten herangezogen


Ein Vordruck der Dokumentation über Verfolgte und Entrechtete an der Technischen Hochschule Stuttgart während der NS-Zeit ist deren Angehörigen beim Festakt am Montag überreicht worden. Das von der Universität herausgegebene Buch ist demnächst im Handel zu erwerben.

Weil das Archiv der Technischen Hochschule 1944 nach Bombentreffern verbrannte, stützten sich Norbert Becker und Katja Nagel bei ihrer Forschungsarbeit auf Bestände anderer Archive. Sie zogen über 800 Spruchkammerakten aus dem Staatsarchiv Ludwigsburg heran. Die Wissenschaftler konnten aber auch noch mit Zeitzeugen sprechen. web