Bevor die Zarenfamilie in glitzernden Phantasiekostümen aufmarschiert, stärken sich Natalia Schlegel und Olga Widiker aus der Ortenau erst einmal mit einem Sekt-Orange im Foyer des Musicaltheaters. „Unsere Männer haben uns hier in Möhringen rausgelassen und sind gleich weiter ins Mercedes-Museum“, erzählt Schlegel. Sie und ihre Freundin freuen sich sichtbar auf den Musical-Nachmittag in Stuttgart und sind das erste Mal in einer Vorstellung. Noch ein paar Kilometer weiter weg wohnt Evi Gröger. Sie ist um 9.30 Uhr in Ansbach losgefahren, um noch gemütlich in Möhringen zu Mittag zu essen, dann die Vorstellung zu sehen und um 19.30 Uhr wieder zu Hause zu sein. „Keine große Sache“, meint Gröger, die schon fast alles in Stuttgart gesehen hat und auch die nächsten Produktionen nicht auslassen wird.

Damit passen diese Gäste ziemlich gut in das Besuchermuster der zwei Musicaltheater. Stuttgart hat ein Stammpublikum, das abends schwerpunktmäßig aus der Region, an den Wochenenden aber aus dem bis zu 150 Kilometer entfernten Umland komme, sagt Jürgen Langerfeld von der Stage Entertainment Produktionsgesellschaft.

Die Nachmittagsvorstellung von Anastasia ist nicht komplett ausverkauft. 10 bis 15 Prozent der Plätze bleiben leer. Auch sonst geht es derzeit eher ruhig zu im SI-Centrum, in dem sich neben Kino, Cafés und Restaurants auch die zwei Musicaltheater befinden. Drumherum gruppieren sich Spielbank, Schwabenquellen, Hotels und Parkhäuser. Dass alles so beschaulich wirkt, liegt auch daran, dass derzeit nur eines der Theater bespielt wird: Erst ab 21. März kehrt auch im zweiten Haus mit dem neuen Stück Aladdin Leben ein.

Für die einen ist es Kitsch, für die anderen Kunst:  Vor 25 Jahren ging in Stuttgart das erste Mal der Vorhang vor den Bühnen auf. Mit zwei Theatern mit jeweils 1800 Plätzen ist Stuttgart nach Hamburg der zweitwichtigste Musicalstandort in Deutschland. „Der Markt hier ist stark genug für zwei Theater“, sagt Langerfeld. „Hätten wir nur eine Show, wäre das Risiko größer, wenn ein Stück floppen sollte.“

Zuschauer wollen Abwechslung

Auch wenn die Stücke heute schneller wechseln würden als früher, sei das kein Indiz dafür, dass sie nicht gut laufen. „Der Publikumsgeschmack verlangt nach Abwechslung. Dass ein Musical mehrere Jahre durchgespielt wird, ist inzwischen eher eine Ausnahme“, erklärt Langerfeld. In der Regel muss ein Stück aber mindestens ein Jahr laufen, um die Produktionskosten wieder einzuspielen. Richtige Flops hätte es in Stuttgart kaum gegeben – bis auf Rocky. Dass Mary Poppins so unerwartet von Stuttgart nach Hamburg kam, sei einer Lücke im Hamburger Haus geschuldet, die kurzfristig geschlossen werden musste.

Doch es kriselt hinter den Bühnen der deutschen Musicalszene. Es ist nicht mehr wie zu Beginn: In den 80ern und 90ern des letzten Jahrhunderts füllten sich die Theater praktisch von selbst. Inzwischen wurde ein Musicaltheater der Stage in Berlin geschlossen, ebenso ihre Hamburger Akademie zur Ausbildung des Musicalnachwuchses, weil sie keinen Gewinn abwarf.

„Wenn die Dienstag-Vorstellungen gestrichen werden und nur noch von Mittwoch bis Sonntag gespielt wird, ist das ein
Indiz, dass ein Stück bald vom Spielplan verschwindet“, sagt Thomas Reichenwallner vom Musical-Fanclub. Dessen 640 Mitglieder kommen zu zwei Dritteln aus Stuttgart und genießen den Vorzug, von der Stage mit vergünstigten Eintrittskarten versorgt zu werden.  „Dass die Theater ganz voll sind, wird seltener“, meint Reichenwallner.

Das läge vor allem an den Ticketpreisen. „Welche Familie kann es sich schon leisten, am Wochenende Eintrittskarten gleich für einige Hundert Euro zu kaufen?“ Reichenwallner aber bleibt weiterhin ein Fan des Stuttgarter Musicals: „Wo gibt es schon so viel Unterhaltung gepaart mit Lebensweisheiten und lustigen Szenen? Ich bin immer wieder von neuem emotional berührt.“

Mehrmals den Eigentümer gewechselt


Rund 3,5 Millionen Zuschauer besuchen jährlich ein Musical.  Größter Anbieter ist die Stage Entertainment Produktionsgesellschaft, die weltweit 20 Musicaltheater – 12 in Deutschland – betreibt. Sie wurde 2015 an den Finanzinvestor CVC verkauft und wechselte im August letzten Jahres bereits wieder den Eigentümer. Jetzt besitzt der amerikanische Medienkonzern Advance Publications alle Anteile. Mit 1750 Mitarbeitern wird ein Umsatz von rund 600 Millionen erzielt. Zum Gewinn gibt es keine Aussagen.

Der 25. Geburtstag des Stuttgarter Musicaltheaters wird am 8. April mit einem Benefizkonzert und vielen Musical-Stars gefeiert. bw