Geschichte Digitale Reise ins Mittelalter

Ein 360-Grad-Filmerlebnis hat das Landesmuseum gemeinsam mit der Storz Medienfabrik auf die Beine gestellt.
Ein 360-Grad-Filmerlebnis hat das Landesmuseum gemeinsam mit der Storz Medienfabrik auf die Beine gestellt. © Foto: Ferdinando Iannone
Von Melissa Seitz  08.02.2019

Die orangefarbenen Lichter am Türrahmen verraten, dass sich hinter der Glastüre etwas verbirgt, das anders ist als das, was normalerweise in der Schausammlung „LegendäreMeisterWerke. Kulturgeschichte(n) aus Württemberg“ zu sehen ist.  Der Raum im Turm des Landesmuseum wirkt steril. Auf eine Leinwand wird ein Altar projiziert, nur wenige Stühle stehen herum. Das war’s.

Man könnte fast meinen, hier gibt es nichts zu sehen. Ganz im Gegenteil. In dem unscheinbaren Raum haben Besucher die Möglichkeit, ins Spätmittelalter einzutauchen. Viel braucht es dazu nicht: eine Virtual-Reality-Brille und einen drehbaren Stuhl. Sitzt die Brille auf dem Kopf, geht die Filmreise los. Plötzlich steht man inmitten einer Klosterkirche. Maler und Bauarbeiter werkeln vor dem Altar herum. Von hinten hört man Schritte, ein kurzer Blick über die Schulter verrät: Drei Nonnen betreten gerade die Kirche. Darunter Äbtissin Margarete von Stein, die einen Altaraufsatz bei Meister Lienhard in Auftrag gegeben hat. Plötzlich herrscht Trubel: Beim Transport der Reliquien für den Altar wurde etwas gestohlen – und zwar die Reliquie der Heiligen Ursula.

„Die Besucher begeben sich in eine Art Mittelalter-Krimi“, erzählt Noreen Kling­spor, Koordinatorin für digitale Museumspraxis im Landesmuseum. Sie begleiten den Handwerkslehrling Michel bei der Aufklärung des Reliquien-Raubes. „Die Geschichte ist fiktiv“, betont Kling­spor. „Margerete von Stein gab es aber wirklich. Sie hat um 1465 den Altaraufsatz für das Kloster Lichtenstern bei Heilbronn in Auftrag gegeben. Auch die Heilige Ursula war real.“ Eineinhalb Jahre hat das Landesmuseum in Kooperation mit der Storz Medienfabrik aus Esslingten an dem VR-Erlebnis gefeilt. Ermöglicht wurde das Projekt durch die Förderung des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg.

Tina Türk, Projektleiterin bei Storz, erinnert sich an die aufwendige Produktion des VR-Films „Heilige und Halunken“. Schauspieler wurden gecastet, Drehorte herausgesucht und Kostüme geschneidert. Für die 360-Grad-Aufnahmen sind außerdem sechs kleine Action-Kameras zum Einsatz gekommen, die in einer kugelförmigen Konstruktion montiert sind. Für die Schauspieler war diese Art zu Filmen eine Herausforderungen: „Es gibt kein Schnitt, zu jeder Seite hin wird gefilmt.“ Kurz sich die Nase putzen, weil man denkt, die Kamera nehme das nicht auf – unmöglich.

Altar wird restauriert

Das VR-Erlebnis soll das Interesse am Spätmittelalter wecken. Das scheint bei Testgruppen schon geklappt zu haben: „Nicht nur Kinder sind davon begeistert, sondern auch ältere Menschen“, berichtet Türk. Man fühle sich als Teil des Szenarios, als würde man wirklich ins Mittelalter eintauchen. Für Neulinge sind die ersten paar Sekunden mit der VR-Brille zwar etwas ungewohnt, doch schnell findet man sich zurecht und schaut sich gerne um. Zieht man die Brille ab, blickt man auf das Objekt, um das es im Film geht: der Altar der Kirche. Im Moment ist es nur eine Projektion, doch schon 2020 soll das Original dort im Raum stehen. Der Altar wird momentan im Landesmusueum restauriert.

Gullideckel und Regenrinnen mussten weichen

Um das Filmerlebnis möglichst real zu gestalten, musste bei der Produktion einiges beachtet werden. Die Drehorte sollten authentisch sein. So mussten zum Beispiel für den mittelalterlichen Markplatz die Gullideckel und Regenrinnen weichen. In der Klosterkirche wurde nachträglich die Empore retuschiert. Auch die Möbel wurden möglichst originalgetreu nachempfunden.

Inspirationen für die Kleidung der Schauspieler holten sich die Produzenten bei den Abbidungen auf dem Altar. „Man denkt beim Mittelalter immer an dunkle Kleidung. Auf dem Altar sieht man aber, dass sie farbenfroh ist“, sagt Tina Türk von der Medienfabrik GmbH. sei

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Minuten dauert der VR-Film für Einzelbesucher. Auch Gruppen können ihn genießen. Dafür stehen 30 VR-Brillen zur Verfügung – und eine gekürzte, drei Minuten lange Fassung des Films.

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