Wilhelma Diese Frau ist die Affenmama im Zoo

Die Haubenlanguren in der Wilhelma sind scheu. Immer mal wieder bewegt sich aber eine Affenhand blitzschnell in Richtung von Tierpflegerin Thali Bauer und nimmt ein Stück Gemüse entgegen.
Die Haubenlanguren in der Wilhelma sind scheu. Immer mal wieder bewegt sich aber eine Affenhand blitzschnell in Richtung von Tierpflegerin Thali Bauer und nimmt ein Stück Gemüse entgegen. © Foto: Max Kovalenko
Stuttgart / Nadja Otterbach 24.08.2018

Thali Bauer hat keine Kinder, aber sie hat eine Ahnung davon, wie es sich anfühlen könnte, Mutter zu sein. Schlaflose Nächte, anspruchsvolle Neugeborene – Thali Bauer kennt das. Die 37-Jährige ist Zoo-Tierpflegerin in der Wilhelma. Bereich: Affenrevier. Im Gorilla-Kindergarten war sie für die Handaufzucht der Waisen und Verstoßenen zuständig. Ein Fulltime-Job sei das gewesen, erzählt sie, bei dem sie innerhalb kurzer Zeit 600 Überstunden angesammelt hat. Thali Bauer hielt die Gorilla-Babys im Arm, kitzelte sie am Bauch, bis sie laut lachten. Sie erlebte die ersten Zahnwechsel und wie die Kleinen immer selbstständiger wurden. Als es nach einigen Jahren Zeit war, loszulassen, begleitete sie ihre Schützlinge in Zoos nach München und Dublin und half bei der Eingewöhnung.

Als sie sie ein Jahr später im neuen Zuhause besuchte, standen ihr stattliche Gorillas gegenüber, die sich „vor Freude mit den Händen auf die Brust trommelten“. Eine schöne Zeit sei das gewesen, sagt die Stuttgarterin, „aber auch eine anstrengende“. Schon die Kleinsten hätten enorme Kraft. Sie erinnert sich, wie ihr beim Spielen einer ihrer Schützlinge einmal die Nase blutig schlug, aus Versehen. Der Gorilla sei darüber so erschrocken gewesen, dass er noch Tage später mit einem Tuch ihre Nase betupfen wollte.

Thali Bauer strahlt Ruhe und Herzlichkeit aus. Langsam und bedächtig bewegt sie sich durchs Affengehege. Zehn Haubenlanguren, kleine Schwingaffen mit goldbraunem oder schwarzem Fell, wuseln um sie herum. Sie sind scheu, aber ab und zu bewegt sich eine Affenhand blitzschnell in Bauers Richtung und nimmt ein Stück Gemüse entgegen. Statt Gorillas hat sie heute Haubenlanguren, Gibbons und Klammeraffen um sich. Ein Traumjob sei das, sagt sie strahlend. Seit 20 Jahren gehört sie zum 100-köpfigen Pfleger-Team der Wilhelma, wo sie nach der Mittleren Reife ihre Ausbildung gemacht hat. Nach bestandener Prüfung arbeitete sie im Schaubauernhof, vor 14 Jahren wechselte sie zu den Affen. Mit manchen verbinde einen vom ersten Moment an Sympathie, sagt sie und schwärmt: „Bonobos schauen einem tief in die Seele.“

Thali Bauer kennt ihre Affen sehr genau. Sie weiß, ob sie Bauch- oder Kopfschmerzen haben oder einfach einen schlechten Tag. Sie erkennt es an Blicken, Gesten und an der Fitness. Ihr Ziel sei es, es den Tieren schön zu machen. Mal hängt sie Spannbettlaken im Gehege auf, die die Affen als Hängematte oder zum Klettern nutzen, mal versteckt sie Futter in Rohren. Hauptsächlich aber ist sie damit beschäftigt, die Gehege zu reinigen und Futter zu richten. Dreimal in der Woche sammelt sie eigenhändig Laub für ihre Languren. „Wer diesen Beruf machen möchte, muss wissen, dass man körperlich stark beansprucht wird“, erklärt sie. Ihr Arbeitstag beginne oft bereits um 6 Uhr. Sie weckt ihre Affen mit sanftem Schlummerlicht, zum Frühstück gibt’s Breiknödel aus Weizenkleie, Quark, gekochtem Reis und Eigelb. Bei den Menschenaffen sei die Futterzubereitung noch intensiver. Da wird Tee und Punsch gekocht und auch mal Kürbis püriert.

Jeder Affe ist eine Persönlichkeit

Für sie sei es ein Traum, so intensiv in die Tierwelt schauen zu dürfen, sagt Bauer. Oft wird sie von Besuchern gefragt: „Haben Tiere Gefühle?“ Dann klärt sie auf, hofft, ein Bewusstsein schaffen zu  können, weg vom Denken, der Mensch sei der Herrscher über alles. Jeder Affe sei eine Persönlichkeit, erzählt sie dann. Und wenn einer stirbt, dann fühle sich das an, als gehe ein Freund.

Auf Reisen ist Thali Bauer schon vielen Affen in ihren natürlichen Lebensräumen begegnet. Im Kongo traf sie auf Berggorillas, in Costa Rica beobachtete sie wild lebende Klammeraffen, in Indien flitzten Haubenlanguren um sie herum. Sie beschäftigt sich mit Artenschutz und verzichtet – zum Wohle der Orang-Utans – auf Produkte mit Palmöl. In wenigen Tagen wird sie nach Australien fliegen und ihre Affen zum ersten Mal für längere Zeit nicht sehen. Drei Monate möchte sie das Land entdecken, den Kopf freibekommen nach 20 Jahren Arbeit. Ob die flinken Schwingaffen sie wiedererkennen werden? Thali Bauer lacht. Wenn sie eines sicher weiß, dann das.

Ein begehrter Beruf

Ausbildung Die Wilhelma in Stuttgart  bildet jedes Jahr bis zu fünf Tierpfleger aus. Die Nachfrage ist laut Pressesprecher Harald Knitter seit Jahren ungebrochen groß. In der Regel gehen für die fünf neu zu besetzenden Ausbildungsplätze pro Jahr zwischen 400 und 500 Bewerbungen ein. Bewerbungsschluss für September 2019 ist am 31. August dieses Jahres.

Stationen Die Auszubildenden der Wilhelma durchlaufen in drei Jahren alle 18 Reviere. Derzeit besonders beliebt ist die Arbeit mit Aquarienfischen, Terrarientieren und Vögeln. nad

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel