Tarifzonenreform Die Zeichen stehen auf Einigung

Das Tarifgefüge im Stuttgarter Verkehrsverbund umfasst 52 Zonen. Es soll stark vereinfacht werden.
Das Tarifgefüge im Stuttgarter Verkehrsverbund umfasst 52 Zonen. Es soll stark vereinfacht werden. © Foto: SWP GRAFIK
Stuttgart / Dominique Leibbrand 17.04.2018

Die größte Tarifzonenreform im Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) seit seiner Gründung vor 40 Jahren ist ihrer Umsetzung am Montagnachmittag einen Schritt nähergekommen. In öffentlicher Sitzung diskutierte der Waiblinger Kreistag über den Plan, der den Nahverkehr in der Region Stuttgart attraktiver und vor allem günstiger machen soll. Der Tenor: breite Zustimmung. Die letzte Entscheidung – vor allem auch darüber, in welchem Umfang sich der Kreis finanziell beteiligen will –, steht freilich noch aus.

42 Millionen Euro an Extrakosten, die durch öffentliche Gelder gedeckt werden müssen, sollen durch die Reform anfallen. Zu den Gesellschaftern zählen neben dem Rems-Murr-Kreis die Kreise Esslingen, Böblingen und Ludwigsburg sowie die Stadt Stuttgart, der Verband Region Stuttgart, das Land und rund 40 Verkehrsbetriebe. VVS-Geschäftsführer Horst Stammler ist sich sicher, dass sie zu einer Finanzierungslösung kommen. Die Übereinstimmung unter den Gesellschaftern sei derzeit groß – so groß, dass der Aufsichtsrat, der sich vergangene Woche einstimmig für die Reform aussprach, den finalen Beschluss bereits in seiner Sitzung am 24. Juli und nicht, wie zunächst geplant, erst im Oktober fassen will.

Finanzierung schnell klären

Formal müssen die beteiligten Gesellschafter-Gremien vorher zustimmen. Fritz Kuhn, grüner OB von Stuttgart und VVS-Aufsichtsratsvorsitzender, hat den Auftrag erhalten, die Finanzierung schnell zu klären. Die Türen scheinen ihm offen zu stehen. Dem Vernehmen nach haben sich neben dem Rems-Murr-Kreis auch der Esslinger Kreistag sowie der Verkehrsausschuss des Verbands Region Stuttgart (VRS) in nichtöffentlichen Sitzungen bereits positiv zum Neustart geäußert. Der Stuttgarter Gemeinderat hat im Haushalt zudem schon neun Millionen Euro jährlich bereitgestellt, wobei die SPD den Vorschlag gemacht hat, auf 15 Millionen Euro aufzustocken.

Und auch das Land will im Sinne der Luftreinhaltung zumindest temporär einen Beitrag leisten – in welchem Umfang und für wie lange, ist laut Stammler noch unklar. Jedenfalls wird von dieser Zusage abhängen, wie viel die anderen Partner noch stemmen müssen.

 Ziel der Reform ist, den Nahverkehr „für alle attraktiver zu machen“, so Stammler. Zieht man die Ticketpreise dieses Jahres heran, soll die Ermäßigung zwischen 20 und 25 Prozent liegen – je nach Angebot. Für ein Jedermann-Ticket, das zwei Zonen umfasst, zahlt man heute beispielsweise monatlich 86,50 Euro, nach der Reform wären es 67,60 Euro. Für fünf Zonen müsste man statt 167 Euro 143 Euro bezahlen. Nicht jeder wird preislich profitieren, aber viele: Von den 382,2 Millionen Fahrten des Vorjahres wären laut seiner Rechnung mit der Tarifreform 110 Millionen billiger und keine teurer.

Erreichen will der VVS das, indem er die Zonenstruktur deutlich verschlankt. Die bisherigen 52 Zonen sollen auf fünf bis sechs Ringzonen schrumpfen. Vor allem Ein- und Auspendler hätten Vorteile von der Reform. So sollen die Stuttgarter Zonen eins und zwei zusammengelegt werden, außerdem sollen die Sektorengrenzen in den Außenringen abgeschafft und die 60er- und 70er-Außenringe zusammengefasst werden. Damit würde die Zahl der Tarifzonen in den Landkreisen verringert. Horst Stammler spricht von der großen Lösung. Mehrere Varianten waren zuvor geprüft, sechs Modelle zuletzt vertieft untersucht worden, bis sich der Aufsichtsrat auf den vorgeschlagenen Weg einigte.

Fahrverbote überflüssig?

Die Reform solle so schnell wie möglich umgesetzt werden, sagt Stammler. Auf jeden Fall im Jahr 2019. Man kläre derzeit, wie schnell die vielen Vertriebssysteme im VVS umgestellt werden könnten. Es wäre der Schlusspunkt einer jahrelangen Diskussion, die wohl auch durch die drohenden Fahrverbote einen neuen Schub erhalten hat. Viele setzen gar darauf, dass Verkehrsbeschränkungen dadurch unnötig werden. Der CDU-Fraktionschef im Stuttgarter Gemeinderat, Alexander Kotz, hält Verbote mit Blick auf die Tarifreform, die sicher viele Autofahrer zum Umsteigen bewege, für „widersinnig“.

Infokasten
Anreiz und Abschreckung

Der Kreis Göppingen ist bei den aktuellen Überlegungen zur Tarifreform außen vor, da er nach wie vor kein vollwertiges Mitglied des Verbunds ist. Seit Jahren wird diskutiert, ob der Kreis, der zur Region Stuttgart gehört, voll in den VVS integriert wird. Eine finale Entscheidung will der Kreistag erst im Herbst fällen, weshalb man die ersten Schritte der Tarifreform nun ohne Göppingen gehe, so Stammler. Die Reform könnte für den Kreis Anreiz und Abschreckung zugleich sein. Zum einen würden höhere Kosten auf ihn zukommen, zum anderen würden die Fahrgäste aber über billigere Ticketpreise profitieren. dl