Sport Die Weiß-Roten im braunen Sumpf

Der Historiker Gregor Hofmann hat im Stuttgarter Stadtarchiv sein neu erschienenes Buch vorgestellt.
Der Historiker Gregor Hofmann hat im Stuttgarter Stadtarchiv sein neu erschienenes Buch vorgestellt. © Foto: Tilman Baur
Stuttgart / Tilman Baur 19.01.2019

Hat sich der VfB Stuttgart zwischen 1933 und 1945 von nationalsozialistischer Ideologie vereinnahmen lassen oder sich diese gar willentlich angeeignet? Ein neu erschienenes Buch des Münchner Historikers Gregor Hofmann versucht, Antworten auf diese und andere Fragen zu finden. Im Stadtarchiv in Stuttgart hat er die Ergebnisse seiner Arbeit präsentiert. Für den vielleicht beliebtesten Sportverein im Südwesten fallen sie wenig schmeichelhaft aus.    

Denn auch wenn der VfB noch in Weimarer Zeit kein politisch homogener Block war, trafen seine Spitzenfunktionäre nach 1933 viele Entscheidungen, die einem vorauseilendem Gehorsam gegenüber der braunen Ideologie gleichkamen. So führte der Verein 1934 ohne politischen Druck einen Arierparagrafen ein, der zur Folge hatte, das hoch angesehene jüdische Vereinsmitglieder von einem Tag auf den anderen gehen mussten. So etwa der langjährige Vereinsarzt Richard Ney, der später in die USA flüchtete.

Fortan organisierte sich der VfB nach dem Führerprinzip, der Präsident wurde durch einen mächtigen „Vereinsführer“ ersetzt. Eine „geräuschlose Gleichschaltung“ nennt Hofmann diese Vorgänge. Für die NS-Ideologie ließen sich Funktionäre und Spieler gleichermaßen einspannen.       

Letztere posierten in Illustrierten als bodenständige Volksgenossen, die als Maschinenschlosser oder Mechaniker bei Bosch Dienst am Vaterland verrichteten. Auch beim bis dato größten Vereinserfolg – der Vize-Meisterschaft 1935 – paradierten NS-Musikkapellen und Trommler vor dem Autokorso her. Bei vielen wichtigen Spielen ließen sich hochrangige NS-Funktionäre sehen und posierten mit den VfB-Präsidenten, so etwa Oberbürgermeister Karl Strölin oder Württembergs Reichsstatthalter Wilhelm Murr. Als die Stadt dem VfB 1937 ein neues Stadion übergab, machte VfB-Vereinsführer Hans Kiener Strölin gar zum Ehrenmitglied. Auch der Einschnitt zwischen NS-Zeit und Bundesrepublik sei „sanft“ gewesen, sagte Hofmann: so durfte der 1944 ans Ruder gekommene Fritz Walter noch lange Jahre Vereinspräsident bleiben.    

Der VfB war in der NS-Zeit ein Spiegelbild der Gesellschaft und keine Ausnahme im Reigen der DFB-Vereine: „Die übergroße Mehrheit machte die geräuschlose Gleichschaltung wie der VfB mit“, resümierte Hofmann. Nur wenige Vereine scherten aus und leisteten aktiven Widerstand: Arbeitervereine meist oder katholisch geprägte. „Die hat man dann einfach dichtgemacht“, so Hofmann.

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