Die Idee ist vor einem Vierteljahrhundert in Stuttgart geboren worden und hat sich durchgesetzt: Anfang kommenden Jahres bietet die Vesperkirche ihren Gästen zum nunmehr 25. Mal in der kalten Jahreszeit ein „Zuhause auf Zeit“. Dafür verwandelt sich die Leonhardskirche Jahr für Jahr in einen Gastraum. Auch zum Jubiläum vom 13. Januar bis 2. März sind wieder Obdachlose und am Rande der Gesellschaft lebende Menschen über sieben Wochen hinweg sieben Stunden lang an sieben Tagen willkommen, wie es in der Ankündigung der evangelischen Kirche heißt.

Von Beginn an wollte die Vesperkirche mehr sein als eine Armenspeisung und „Nahrung für Leib und Seele“ bieten, betont Diakoniepfarrerin Gabriele Ehrmann. Dazu gehört Essen genauso wie medizinische Versorgung, Austausch und Gemeinschaft sowie Seelsorge und Beratung.

Was 1995 mit ein paar Dutzend Besuchern begann, ist zu einer großen Bewegung geworden. Dekan Eckart Schultz-Berg betont, dass der Impuls aus Stuttgart sich über ganz Deutschland bis in die Schweiz ausgebreitet hat. Von den bundesweit gut 50 Vesperkirchen öffnen 33 in Baden-Württemberg. In Stuttgart stehen 850 ehrenamtliche Helfer in den Startlöchern, um die täglich etwa 800 Besucher zu versorgen. Freiwillige stricken Socken.

Die Erfolgsgeschichte ist für Schultz-Berg jedoch auch ein Armutszeugnis für die Stadt. „Ich frage mich, wie das sein kann, dass eine so reiche Stadt wie Stuttgart eine Vesperkirche braucht?“, sagt er. Das beschäftigt auch Hans-Jürgen Grünefeld, Helfer der ersten Stunde. „Die Armut ist nicht kleiner geworden“, bedauert der 79-Jährige.

Schultz-Berg hat beobachtet, dass seit Jahren das gleiche Publikum kommt. Manche seien den ganzen Tag da, erzählt der für die Vesperkirche zuständige Dekan. Ist anfangs vor allem die Obdachlosenszene gekommen, sind heute „alle Armutsgruppen der Stadt“ vertreten, wie Langzeitarbeitslose, Senioren mit kleiner Rente, Witwen, die nicht genug Geld haben, um ihre Wohnung zu heizen, und zunehmend auch Osteuropäer. Flüchtlinge gehören bislang nicht zu den Besuchern.

„Menschen, die sich aufgrund ihrer Armut kaum raustrauen, sollen hier einen Ort der Teilhabe und der Gemeinschaft finden“, sagt Schultz-Berg. Pfarrerin Ehrmann liegt am Herzen, dass „die Vesperkirche zum Ort der Begegnung, des Respekts sowie der Liebe Gottes wird“. Sie hofft, dass nach dem Auftakt viele Politiker vorbeischauen, um den Bedürftigen zuzuhören.

Vieles hat sich in all den Jahren bewährt: warmes Essen, Getränke, Vesperbeutel, Arzt, Friseur, Tierarzt und neuerdings auch Fußpflege. Ebenso Austausch, Gottesdienst, Seelsorge, das politische Format „Politiker hören zu“ und vor allem das Kulturprogramm, welches für Grünefeld der Höhepunkt ist. Neues kommt hinzu: Nach der Kritik an verdreckten und als Drogenversteck genutzten Toiletten gibt es künftig ein verbessertes Toilettenkonzept.

Außerdem wird sich eine Person speziell um Menschen aus Osteuropa kümmern. Erstmals gibt es ein Vesperkirchen-Forscherteam zum Thema „Gäste fragen Gäste“. Schultz-Berg sagt im Hinblick auf die Armutskonferenz 2019 in Stuttgart: „Wir werden sehr genau hinhören, was die Gäste benötigen und die Themen an die Stadtgesellschaft weitergeben“. Auch die Zusammenarbeit mit Suchtberatern sei enger geworden. „Die Vernetzung ist wichtig, keiner kann alles alleine schaffen“, sagt Ehrmann.

Das war nicht immer so. Als der damalige Diakoniepfarrer Martin Friz, der inzwischen verstorben ist, 1995 die Vesperkirche ins Leben gerufen hat, ist er mit dem Hilfsprojekt auf Zeit nicht nur auf Zustimmung gestoßen. Aus der kritischen Distanz großer kirchlicher Sozialeinrichtungen wie der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart ist eine enge Zusammenarbeit geworden.

„Wir wollen das Armutsthema in die Öffentlichkeit bringen“, sagt Ehrmann. Dies sei auch bei der 25. Vesperkirche nicht weniger wichtig, ergänzt sie. Sie beklagt die wachsende Not in der Stadt, freut sich aber auch „über die zunehmende Tendenz in unserer Gesellschaft, sich solidarisch zu zeigen“.

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VfB-Profis haben schon mitgeholfen


Der Auftaktgottesdienst der Vesperkirche ist am Sonntag, 13. Januar, um 10 Uhr in der Leonhardskirche. Er steht unter dem Motto „Gemeinsam ein Licht entzünden“. Er wird von Prälatin Gabriele Arnold, Pfarrerin Gabriele Ehrmann sowie den Stuttgarter Hymnus-Chorknaben gestaltet.

Rund 850 Ehrenamtliche stehen in den Startlöchern – etwa 300 Einzelpersonen und 39 Gruppen mit 570 Mitgliedern. Auch Profis vom VfB waren schon dabei. Die Vesperkirche ist auf Spenden angewiesen. Jährlich sind 300 000 Euro nötig. Allein das Essen kostet rund 180 000 Euro. lan