Zusammenarbeit Die Stuttgarter lieben es spritzig

Dinkelacker-Braumeister Joachim Schneider (Foto) hat zusammen mit seinem Stuttgarter-Hofbräu-Kollegen, Andreas Maier, ein historisches Volksfestbier gebraut.
Dinkelacker-Braumeister Joachim Schneider (Foto) hat zusammen mit seinem Stuttgarter-Hofbräu-Kollegen, Andreas Maier, ein historisches Volksfestbier gebraut. © Foto: Ferdinando Iannone©
Von Barbara Wollny 20.09.2018

Wir haben uns überlegt, wie Bier vor zweihundert Jahren geschmeckt haben könnte. Damals wurde nicht filtriert, also musste es ein naturtrübes Bier werden. Und zum Fest muss es etwas Besonderes, also einen Tick stärker, sein“, erklärt Joachim Schneider, Braumeister bei Dinkelacker-Schwabenbräu den Entwicklungsprozess. Gemeinsam mit Andreas Maier von Stuttgarter Hofbräu hat er das Rezept für das historische Volksfestbier erarbeitet. Zum Volksfestjubiläum gibt es ein bernsteinfarbenes Märzenbier „leicht süßlich, im Abgang Hopfennoten“ mit über 13 Prozent Stammwürze. Nach der Gärung bleiben 5.7 Prozent Alkohol übrig.

Ende Juli wurde das Festbier im Sudhaus der Dinkelacker Brauerei in der Tübinger Straße eingebraut. „Zwischen sieben bis acht Wochen hat die Bierspezialität Zeit, um in Ruhe und bei kühler Lagerung sein Aroma zu entwickeln, bevor wir es in Tanks und Fässer abfüllen“, erklärt Schneider. Ab dem 26. September wird es auf dem Schlossplatz in stilechten Steinkrügen serviert.

Im Alltag sind die zwei Stuttgarter Großbrauereien, die Familienbrauerei Dinkelacker in der Tübinger Straße und die Stuttgarter Hofbräu in Heslach, ernsthafte Konkurrenten. Hofbräu gehört zur Radeberger Gruppe, der größten deutschen Brauerei. Dinkelacker ist nach einer Zeit im Anheuser-Busch-Konzern seit 2007 wieder in Familienbesitz. Beide Häuser zusammen sind für 98 Prozent des Bierabsatzes in Stuttgart gut. Da der Bierabsatz seit Jahren rückläufig ist – der Pro-Kopf-Bierdurst hat sich  innerhalb der letzten dreißig Jahre so verringert, dass statt 150 nur noch 101 Liter getrunken werden –  wird um jeden Kunden gekämpft.

„Wir hatten einen gigantischen Sommer“, sagt Schneider. „Bierabsatz ist stark witterungsabhängig, und der lange heiße Sommer hat uns sehr geholfen. Wir beliefern zwei- bis dreitausend Events pro Jahr, der Aufwand ist immer derselbe, auch wenn es tagelang regnet und dann keiner kommt.“ 800 000 Hektoliter pro Jahr verkauft Dinkelacker pro Jahr.
600 000 Liter werden täglich in den großen Kesseln in der Tübinger Straße produziert. Der Bierkonsum beim Cannstatter Volksfest macht dabei nur ein Prozent des Jahresumsatzes aus.

„Was wir vielleicht etwas verschlafen haben: Bier wieder interessanter zu machen“, zeigt sich Stefan Seipel von Dinkelacker selbstkritisch. „Das haben die Kleinen besser hinbekommen“, sagt er und meint damit die sogenannten Mikrobrauereien oder Craft-Beer-Hersteller, die in der Nische eine Vielzahl von Bieren produzieren, die sich vom Massengeschmack abheben sollen.

So braut in der Stuttgarter Schlosserstraße seit acht Jahren die Cast-Brauerei spezielle Sorten wie ein Pale Ale „nach einem Rezept von einem Freund aus Kalifornien mit drei verschiedenen Hopfensorten aus den USA, die dem Bier seinen typischen litschi, zitronen- und grapefruitartigen Geschmack verleihen“. Daneben gibt es Gasthausbrauereien wie Sophies Brauhaus in der Marienstraße, die Wichtel-Hausbrauerei in Feuerbach oder die Schönbuch Braumanufaktur in Böblingen.

Mehr Abwechselung muss her

Aber auch die Großen müssen mehr Abwechslung bieten. „Mit nur drei Bieren wie früher kommt man heute nicht mehr durch. Brauereien mit einem solchen Sortiment haben ein Problem“, stellt Seipel fest. Aktuell seien nach vielen Pilsjahren helle Sorten mehr gefragt. „Die Württemberger mögen spritzige Biere mit mehr Kohlensäure“, weiß Seipel.

Jedes Jahr produziert Dinkelacker zusätzlich sechs bis sieben Sorten, um den Gastronomen immer wieder etwas Neues anbieten zu können. Zuletzt hat es das Bier „Hopfenwunder“ geschafft, ins Dauersortiment aufgenommen zu werden. Ob das auch dem Jubiläumsbier gelingt, wird erst nach dem Wasen entschieden.

16 Tage lang ein anderes Bier genießen

Im Gegensatz zum Bäcker- oder Metzgersterben wächst die Zahl der Brauereien. Nach Bayern mit 642 Braustätten folgt Baden-Württemberg mit 204 Brauereien auf Platz 2.

Deutsche Biertrinker könnten sich am Tresen rein rechnerisch jeden Tag 16 Jahre lang ein anderes Bier einschenken lassen – allein in Deutschland gibt es laut dem Deutschen Brauereiverband mehr als 6000 Biermarken.

Die beliebteste Biersorte der Deutschen ist mit einem Marktanteil von weithin über 50 Prozent das Pils. Dahinter folgen die Sorten Weizen und Export mit jeweils rund sieben Prozent.

Alkoholfreie Biere sind in den vergangenen Jahren in Deutschland beliebter geworden. Ihr Marktanteil liegt bei über sechs Prozent. bw

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