Verein Die singenden Metzger aus der Schlachthofstraße

Der Fleischerchor besteht seit 1912.
Der Fleischerchor besteht seit 1912. © Foto: Ferdinando Iannone
Stuttgart / Caroline Holowiecki 26.06.2018

Das „Froh soll unser Lied erklingen“ füllt in einer gewaltigen Welle den Raum. Waren zuvor beim „Stabat Mater“ noch kleine Unsicherheiten zu hören, geht’s jetzt volle Sangeskraft voraus. Der Fleischer-Singchor Stuttgart ist trotz Hitze fit. Vielleicht liegt es am Vesper, mit dem die Sänger sich in ihrem Metzgerstüble gestärkt haben, bevor es einen Stock höher zur Probe ging. Das Stüble befindet sich, wie passend, in der Schlachthofstraße. Mettwurst, Schwartenmagen, geräucherte Schinkenwurst und ein Viertele – das gibt Energie.

 Kraft hat er noch, der Fleischer-Singchor Stuttgart, trotz seiner langen Geschichte. Die Gruppe besteht seit 1912. Angegliedert ist der Chor an die Fleischerinnung Stuttgart-Neckar-Fils – und freilich sind die meisten, die montags ihre Stimme erheben, ehemalige Metzger. Fritz Häußler (78), der Vorsitzende, hat 2004 seinen Betrieb in Feuerbach aufgegeben, Helmut Scheuler (74), der Kassier, sein Geschäft bereits 1991. „Bei mir hat der Sohn klar gesagt, er will die Metzgerei nicht.“

So wie das Handwerk Nachwuchsprobleme hat, so hat sie auch der Chor. Die 120 Mitglieder, davon 50 aktive Sänger, sind Senioren. Der Dirigent Herbert Klein (68) spricht zwar beim Einkauf regelmäßig Verkäufer an, aber „da ist nur Abwinken“. Das jüngste Mitglied ist 68, das älteste ist die Ehrenpräsidentin Margot Windmüller mit 85. Unglaubliche 70 Jahre ist sie bereits dabei. Auf so treue Sänger kann man anderswo nicht hoffen. Fritz Häußler zählt auf: In Pforzheim gebe es noch einen „halblebigen“ Fleischerchor, die Kollegen in Göppingen, Heilbronn oder Freiburg hätten aufgehört. „Wir sind einer der letzten weit und breit.“ Dafür aber wirbt seine Truppe damit, einer der leistungsfähigsten Handwerkerchöre Deutschlands zu sein. In Stuttgart etwa gibt es noch den Bäckerchor Philia, außerdem singende Weingärtner.

„Wir haben uns fest vorgenommen zu singen, bis es nicht mehr geht“,  erklärt Fritz Häußler. „Bis zur letzten Patrone“, sagt Helmut Scheuler und lacht. Am 11. November steht ein Konzert in der Leonhardskirche an, zudem geht es bald auf einen Zwei-Tages-Ausflug. „Die soziale Komponente wird immer wichtiger“, sagt Fritz Häußler. Margot Windmüller betont: „Wir sind ein alter Chor, aber wir sind sehr lustig.“ Früher habe man im Metzgerstüble die Wurst der Kollegen probiert, so der Vorsitzende des Chors,  „heute schwätzen wir eher über den Trump.“

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