Porträt Die Netzwerkerin vom Killesberg

Als Frau von Daimler-Chef Werner Niefer bestand Vera Niefers Leben vor allem aus Reisen und dem Bewirten von Gästen. Später entdeckte sie ihre Leidenschaft für die Kalligrafie.
Als Frau von Daimler-Chef Werner Niefer bestand Vera Niefers Leben vor allem aus Reisen und dem Bewirten von Gästen. Später entdeckte sie ihre Leidenschaft für die Kalligrafie. © Foto: Ferdinando Iannone
Stuttgart / Von Barbara Wollny 29.06.2018

Am Samstag sitzt sie wieder am Steuer. Bei der „Frauen fahren für Frauen“-Rallye ist es Ehrensache für Vera Niefer, dabei zu sein. Die Erlöse der im fünften Jahr stattfindenden Sternfahrt, die diesmal in Fellbach startet, kommen stets bedürftigen Frauen und Kindern zugute. „Es ist mir ein Anliegen, denjenigen unter die Arme zu greifen, denen es nicht so gut geht“, sagt die Witwe des 1993 gestorbenen Daimler-Vorstandschefs Werner Niefer. Als etabliertes Mitglied der Stuttgarter Gesellschaft ist sie bekannt für soziales Engagement, für große Charity-Dinner, extravagante Auftritte mit Hut – und für ihre Kunstleidenschaft.

Wände voll mit Kalligrafien

Wer die sportliche und lebhafte Frau Anfang 70 in ihrer exquisit mit Asiatika und anderen Kunstschätzen eingerichteten Villa am Stuttgarter Killesberg besucht, stößt aber noch auf eine weitere Liebhaberei. An allen Wänden hängen meisterhaft geschriebene Kalligrafien. Sie stammen sämtlich von der Hausherrin selbst. Mit hauchdünnen, festen oder leicht dahingewischten Pinselstrichen und schwarzer Tusche hat sie die Schriftzeichen auf Pergamentpapier aufgetragen, die nach einer geheimen Melodie rhythmisch über das Papier zu tanzen scheinen. So eine Geduldsarbeit traut man der jugendlich wirkenden Niefer gar nicht zu. Doch sie kennt jedes Zeichen samt Bedeutung. Selbst wandfüllende chinesische Gedichte liest sie flüssig vor und übersetzt auch gleich ins Deutsche.

Wenn sie ihren Mann früher auf seinen Dienstreisen begleitete, hatte sie immer viel Zeit und bummelte gern durch Museen und Ausstellungen. Dabei entdeckte sie in Asien die Kunst der Kalligrafie, die sie so faszinierte, dass sie das uralte Kunsthandwerk des „Schönschreibens“ selbst erlernen wollte. Was sich als extrem schwierig herausstellte. Erst nach zwei Jahren Suche gelang es ihr durch Vermittlung des Lindenmuseums, einen Lehrer zu finden. „Der war so streng. Ich hatte jede Woche zwei Stunden Unterricht und habe jeden Tag zu Hause geschrieben.“ Doch erst nach einem ganzen Jahr zeigte sich ihr Lehrmeister erstmals zufrieden. Zumindest mit einem einzigen Punkt, den sie aufs Papier gebracht hatte. „Ich bin jedes Mal enttäuscht nach Hause und habe mich oft gefragt, warum mache ich das überhaupt?“

Streng wie ihr Lehrmeister ist Vera Niefer auch mit sich selbst. Vielleicht liegt’s an den bodenständigen Wurzeln: Mit Leib und Seele war sie Sportlehrerin an einem Gymnasium in Friedrichshafen, als sie ihren Mann kennenlernte. Ihren geliebten Beruf wollte sie auch nach dem Umzug nach Stuttgart auszuüben, stieß jedoch an ihre Grenzen. „Es war ein Fulltime-Job, mit Werner Niefer verheiratet zu sein. Reisen und Gäste – mein Mann lud gerne zu uns nach Hause ein, das fand er netter als ins Lokal zu gehen – füllten meine Tage komplett aus.“ Oft brachte er noch am späten Abend Kollegen und Besucher mit ins ruhige Haus. „Schinkenwurst und Essiggurken fürs rustikale Vesper mussten deshalb immer im Kühlschrank vorrätig sein.“

Halbe Sachen liegen Vera Niefer nicht. Konsequent gab sie deshalb nach einem Jahr ihre Lehrtätigkeit auf und konzentrierte sich auf ihre Aufgabe als Vorstandsgattin. Ob Adlige wie der Herzog von Württemberg in ihrem weitläufigen Wohnraum verköstigt werden sollten oder Politiker und Industriechefs – alle wussten, dass sie bei Niefers verwöhnt werden würden.

Nach dem Tod ihres Mannes besann sich Niefer auf eigene Interessen. Ihr Know-how als Gastgeberin setzte sie für ihre berühmten und teuren Benefiz-Dinner ein. „40 Leute kann ich bei mir setzen. Dann ist es klein und fein, und jeder ist in direktem Kontakt mit unserem Promi, wegen dem die Leute bereit sind, viel Geld zu zahlen.“ So war schon Hartmut Engler von der Gruppe Pur zu Gast am Killesberg, der Regisseur Volker Schlöndorff oder Boris Becker. Und weil ihr der Name eines weiteren VIP-Gasts gerade nicht einfällt, klingelt sie mal schnell bei Matthias Kleinert durch, dem ehemaligen Regierungs- und Daimlersprecher, mit dem sie viele Projekte organisiert.

„Heute nennt man es Netzwerk“, sagt sie nüchtern auf die Frage, wer zur Spitze der Stuttgarter Gesellschaft gehört. Es gäbe eine geografische Komponente – man wohnt entweder auf dem Killesberg („Nobler geht nicht“) oder auf der anderen Kesselseite in Sillenbuch oder Riedenberg. Und es gebe verschiedene Kreise aus Wirtschaft, Sport, Kultur oder Medizin – und dort, wo sich diese überlappten, das sei dann die eigentliche Stuttgarter Hautevolee. „Ein bisschen wabernd, aber im Grunde doch sehr beständig und enorm schwer reinzukommen. Geld allein ist auf alle Fälle nicht entscheidend“, beschreibt Niefer die Spielregeln. Die Szene habe sich zwar etwas mehr geöffnet, aber am liebsten bleibe man doch exklusiv unter sich.

So ist es nicht weiter erstaunlich, dass Vera Niefer hier auch ihren neuen Lebensgefährten kennengelernt hat, einen wirtschaftlich höchst erfolgreichen Hersteller von Haushaltsgeräten. „Mercedes-Lady liebt Staubsauger-König“ titelte die „Bild“ vor einigen Jahren. Die Liebe hält bis heute.

Für den guten Zweck am Steuer

Nur 99 Exemplare des Maybachs G 73 gibt es weltweit. In einem davon nehmen Cornelia Eisemann von der Fellbacher Firma Eisemann und Vera Niefer gemeinsam an der kommenden Benefizausfahrt „Frauen fahren für Frauen“ teil. Die Teilnehmerinnen zahlen dabei einen Betrag von 250 Euro, Industriesponsoren legen noch einiges drauf. Heuer geht der Erlös an den „Verein für Kinder in Backnang“. bw

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel