Die Legende von der Alpensicht

RAIMUND WEIBLE 06.02.2016

Fernsicht und Übersicht" verspricht der SWR den Besuchern des Fernsehturms. Das ist kein leeres Versprechen. Grandios der Blick aufs Stuttgarter Zentrum, beeindruckend an klaren Tagen die Sicht auf die Schwäbische Alb, den Schwarzwald und den Stromberg. Gottseidank ist der Turm wieder offen, und die Leute kommen wieder in den Genuss des Panoramas, das sich vom Turm aus bietet. Und dieses Panorama ist durchaus auch den von fünf auf sieben Euro erhöhten Eintritt wert.

Mehr Panorama braucht es nicht. Aber zäh hält sich die Legende, dass von der Kanzel des Turms sogar die Alpen zu sehen seien. Beide große Zeitungen in Stuttgart behaupten dies in Beiträgen zur Wiedereröffnung des Turms. Doch da ist nichts dran. 2011 hat das Landesamt für Geoinformation und Landesentwicklung auf Bitte der SÜDWEST PRESSE geprüft, ob der Turm für die Sicht auf die Alpen hoch genug ist. Das Amt kam nach akribischer Untersuchung zu dem Ergebnis: Nein. Nach der Berechnung müsste der erhabenste Gipfel Säntis (2503 Meter) 564 Meter höher sein, um ihn von der Turmkanzel (634 Meter über Null) zu Gesicht zu bekommen. Schuld daran ist die Erdkrümmung und die hohe Mauer der Alb.

Auch der SWR hatte noch im Februar 2011 in Radiospots und auf seiner Internetseite behauptet, vom Fernsehturm aus sei Alpensicht möglich. Als das Ergebnis der amtlichen Vermesser veröffentlicht wurde, zog der SWR seine Werbespots zurück und korrigierte seine Website.

Doch Legenden, auch wenn sie längst widerlegt sind, haben ein langes Leben. Und gerade schöne Legenden werden gerne aufgewärmt. Wie die von der Schönen Lau im Blautopf. Keiner hat sie je gesehen, und dennoch spukt sie weiter in den Köpfen der Menschen.