Cosplay Die lebende Comicfigur

Stuttgart / Tilman Baur 28.06.2018

Das Wort Cosplay hatte Sina Voss noch nie gehört, als eine Freundin sie vor 14 Jahren auf das Fantreffen Animexx im Zuffenhausener Jugendhaus mitnahm. Dort gab es Mangas, japanische Comics also, Süßigkeiten – und als Comicfiguren verkleidete Menschen. „Meine Freundin hat sich auch verkleidet und hat mir gesagt, dass sich das Cosplay nennt“, erinnert sich Voss. Das Interesse war geweckt, und kurze Zeit später nähte sie zusammen mit ihrer Großmutter, einer gelernten Schneiderin, ihr erstes Kostüm, das einem Charakter der japanischen Manga-Reihe Naruto nachempfunden war. Für Sina Voss war es damals der Startschuss für ein Hobby, das sie bis heute leidenschaftlich betreibt.

Das Wort Cosplay setzt sich zusammen aus den englischen Wörtern Costume und Play, Kostüm und Spiel also, und hat seinen Ursprung im Japan der 1990er Jahre. Im Kern geht es dabei darum, Charaktere aus Comics, Serien oder Videospielen optisch möglichst originalgetreu nachzuahmen. In der Verwandlung vom zweidimensionalen Kostüm, das nur auf Papier oder auf dem Bildschirm existiert in ein echtes, dreidimensionales liegt für Sina Voss die größte Faszination des Cosplay. „Das Nähen des Kostüms, das Basteln der Requisiten und die Transformation in eine andere Figur, das hat für mich den größten Reiz.“ Ganz besonders sei der Moment, in dem man sich zum ersten Mal als verwandelte Person im Spiegel sehe.

„Man schlüpft in Rollen, die man so im Alltag nicht ausprobieren kann“, sagt Voss. Sich optisch auszutoben gehört ebenfalls zum Spaß am Hobby. So könne man sich verrückte Frisuren machen oder sich auf ausgefallene Art schminken, sich Narben ins Gesicht malen, sich optisch altern lassen und Fantasiewesen wie Elfen, Orks oder Goblins darstellen. Die Verwandlung bleibe beim Cosplay immer eine visuelle. Es gehe nicht darum, mit dem Charakter der dargestellten Figuren eins zu werden.  „Anders als bei Live-Rollenspielen bleibt man beim Cosplay man selbst“, erklärt Voss.

Mehr als 100 Rollen

In ihren 14 Jahren als Cosplayerin ist die 28-Jährige in mehr als 100 Kostüme geschlüpft. Figuren aus Videospielen, aus Mangas und aus Fantasy-Serien waren darunter, so zum Beispiel Prinzessin Leia aus der Star-Wars-Reihe oder die Drachenmutter Daenerys Targaryen aus der amerikanischen Fantasy-Serie „Game of Thrones“. Viele Outfits hat sie komplett selbst hergestellt. Mittlerweile kauft sie auch manches Teil, die Perücken zum Beispiel.  Früher wäre das nur schwer möglich gewesen, denn es gab nur wenige Firmen, die Cosplay-Kostüme herstellen.

Heute hat sich das geändert: Vor allem in Asien produzieren Firmen die Teile beliebter Charaktere mittlerweile seriell.  Wer ein Kostüm perfekt hinbekommen will, sollte Talent als Make-up-Artist haben, aber auch nähen können. Ohne handwerkliche Begabung jedenfalls geht es nicht.

Dem Nischendasein ist Cosplay mittlerweile entwachsen. Die Szene sei groß, sagt Sina Voss. Hobbys, mit denen der Mainstream der Gesellschaft nicht viel anfangen kann, seien mittlerweile akzeptierter als früher, glaubt sie. Davon könne man sich auf der Comic Con Germany überzeugen, die am Wochenende zum dritten Mal auf der Messe in Stuttgart stattfindet. 50 000 Besucher erwartet der Veranstalter, darunter zahlreiche Cosplayer.

Die Community ist gut vernetzt, Sina Voss hat viele Freundschaften geschlossen. Eine Handvoll Cosplayer hat das Hobby gar zum Beruf gemacht. Einige Cosplay-Idols wie Ben Bergmann alias Maul Cosplay oder Svetlana Quindt alias Kamui werden regelmäßig von Unternehmen angefragt, um auf Messen Charaktere neuer Comics oder Videospiele zu verkörpern. Ein Fulltime-Job als Cosplayerin? Darauf kann Sina Voss verzichten. „Der Spaß könnte dabei verloren gehen.“ Als Messe-Angestellte, die mit der Comic Con zusammenarbeitet, habe sie das Glück, Hobby und Beruf zu kombinieren.

Fotos schießen mit den Promis

Vorbild Die Comic Con Germany ist eine Mischung aus klassischer Messe und einem lockeren Treffen von Comic-Fans. Sie findet Samstag und Sonntag, jeweils von 9 bis 18 Uhr, auf der Landesmesse Stuttgart statt. Vorbild ist die Comic Con in San Diego, die größte Veranstaltung dieser Art weltweit.

Genres Auf der Messe stehen Science-Fiction, Fantasy, Horror, Comic und Cosplay im Vordergrund. Besucher haben die Möglichkeit, bekannte Comic-Zeichner, Schauspieler und Cosplayer bei Lesungen und Signierstunden zu erleben, ihnen Fragen zu stellen und sich mit ihnen – teils gegen Geld – fotografieren zu lassen.

Stars Zu den bekanntesten Gesichtern zählen US-Filmstar Chuck Norris sowie Nikolaj Coster-Waldau und Pilou Asbaek (bekannt aus der US-Serie „Game of Thrones“). Auch Stuttgarter Künstler sind auf der Comic Con vertreten – wie beispielsweise die Zeichner André Lux und Jutta Bossert. tjb

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