Bauen Die grüne Wiese ist nicht mehr tabu

Die Stuttgarter Innenstadt hat neben Grünzonen, auch stark verdichtete Wohngebiete.
Die Stuttgarter Innenstadt hat neben Grünzonen, auch stark verdichtete Wohngebiete. © Foto: Ferdinando Iannone
Von Daniel Grupp 05.10.2018

Wie kann man Menschen in Ballungsräumen zu bezahlbaren Preisen mit ordentlichen Wohnungen versorgen? Diese Frage hat sich zu den großen politischen Herausforderungen der  Region Stuttgart entwickelt. Fast täglich melden sich Mieter- und Vermietervereinigungen, Immobiliengesellschaften und politische Gruppierungen zu diesem Thema.

Dass die Wohnungsnot den Menschen unter den Nägeln brennt, belegt eine Umfrage, die der Verband Region Stuttgart (VRS) in Auftrag gegeben hat. Demnach bewerten die Bürger den Wohnungsmarkt deutlich schlechter als vor fünf Jahren. Die Zahl der Befragten, die die schlechteste Note „gar nicht gut“ vergeben, hat sich verdreifacht. Die Studie zeigt aber auch, die Schwierigkeit, die der Lösung des Problems entgegensteht. Eine knappe Mehrheit der Bürger lehnt nämlich ab, freie Flächen zu bebauen. Wobei der Widerstand laut Umfrage etwas schrumpft.

Diese Kontroverse bildet sich auch in den politischen Gremien ab – zuletzt in einer Debatte  im Wirtschaftsausschuss der Regionalversammlung und im Juni in der Generaldebatte Wohnen des Stuttgarter Gemeinderats. OB Fritz Kuhn (Grüne) bestätigte zwar, dass es in der Stadt einen Mangel an bezahlbarem Wohnraum gebe, jedoch wies er die Forderung zurück, dass in Stuttgart jährlich 5000 Wohnungen gebaut werden müssten. „Das bedeutet, in fünf bis zehn Jahren wird keiner Stuttgart wiedererkennen.“ Weiterer Flächenverbrauch müsse die „wohlbegründete Ausnahme“ bleiben. Der OB setzte sich für eine weitere Verdichtung ein.

Im Gemeinderat gibt es eine neue von CDU und SPD geführte Mehrheit, die für die Landeshauptstadt eine Außenentwicklung nicht mehr ausschließt. Um Wohnraum zu schaffen, ist die grüne Wiese nicht mehr tabu. 150 Millionen Euro möchte die Ratsmehrheit in den Wohnungsmarkt stecken.

Ein ähnliche Konfliktlinie ist auch im Regionalverband zu erkennen. Die Region kann über den Regionalplan in die Flächenplanung der Kommunen eingreifen. Wobei Gemeinderäte und Bürgermeister früher kritisierten, dass der Regionalverband die Ausweisung neuer Wohnflächen behindere. Die Region Stuttgart muss nach einer Prognose des Statistischen Landesamts bis 2035 mit einem Zuwachs von 81 000 Einwohnern rechnen. Hauptursache ist der Arbeitskräftebedarf, der den Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge kompensieren muss. Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum gilt laut einer IHK-Umfrage als Hindernis bei der Anwerbung von Fachkräften.

Laut einer Übersicht des VRS gibt es aber quer durch die Region Initiativen, meist im Verbund mit kommunalen Wohnungsbaugesellschaften, um bezahlbare Wohnungen zu schaffen.

Der Regionalverband hat sich zum Ziel gemacht, diese Aktivitäten zu unterstützen. Jedoch seien die Handlungsmöglichkeiten begrenzt, stellt die Verwaltung fest. Mit den Instrumenten der Regionalplanung ließen sich eher Fehlentwicklungen verhindern, als Entwicklungen anzustoßen, da seien die Kommunen die handelnden Akteure.

Unterschiedliche Reaktionen

Die Regionalräte beklagen zwar einhellig die Wohnungsnot, wollen aber unterschiedlich reagieren. Während Peter Rauscher (Die Linke) auf verdichtetes Wohnen setzt und gegen Spekulanten vorgehen möchte, setzt Andreas Hesky (Freie Wähler) auf neue Baugebiete, denn „auch Nachverdichtung hat seine Grenzen“.

Auch der Mieterverein und die Immobilienwirtschaft haben Ideen. So fordert der Mieterverein Stuttgart eine Kappungsgrenze bei Mieterhöhungen. Bei Verstößen gegen die Mietpreisbremse müssten Bußgelder bezahlt werden. Der Verband der Immobilienwirtschaft Stuttgart möchte indes mit den Kommunen kooperieren, um ein Pilotprojekt bezahlbares Wohnen auf die Beine zu stellen. Ziel soll eine Neubauwohnung sein, die „eine Familie mit mittlerem Einkommen bezahlen kann“, sagte der Verbandsvorsitzende Marc Bosch. Dabei soll die Miete einer Neubauwohnung nicht höher als 12,30 Euro pro Quadratmeter liegen.

Genehmigte, aber nicht fertiggestellte Wohnungen

Der Wohnungsbestand in Stuttgart ist im Jahr 2017 um 2039 Wohnungen gewachsen. Damit liegt der Neuzugang um 133 Wohnungen höher als im Jahr 2016. In der Region (ohne die Landeshauptstadt) sieht der Trend nach Angaben des Statistikamts der Stadt anders aus. Es wurden 6000 Wohnungen fertiggestellt, ein Rückgang von 15 Prozent gegenüber 2016.

Der Bauüberhang steht bei 4295 Wohnungen. Das sind genehmigte, aber nicht fertiggestellte Wohnungen. Daher erwarten die Statistiker auch für 2018 einen hohen Neuzugang, wobei die Zahl der Genehmigungen 2017 gegenüber dem Jahr davor stark gesunken ist, weil weniger Flüchtlingswohnheime genehmigt wurden. dgr

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