Nachtschwärmer müssen sich neu orientieren. Die Stuttgarter Party-Institutionen Tonstudio und Muttermilch schließen – nach elf und 13 Jahren. Das Haus Nummer 23 an der Theodor-Heuss-Straße wird abgerissen. Zu tun hat das mit dem Umbau der Calwer Passage, in der aktuell die alternative Mall Fluxus beheimatet ist. Die Zwischennutzung endet jedoch Mitte des Jahres endgültig, dann rücken die Bauarbeiter an und werden unter anderem die Passage bis zur Langen Straße verlängern. Das Haus an der „Theo“ muss daher weichen. „Ende Juli ist Schluss“, sagt Gunther Hausch, Chef beider Clubs. Und er sagt auch: „Vielleicht ist es an der Stelle gut.“

Er stellt klar: „Die Theo hat sich zurückentwickelt.“ Die Chemie auf der einstigen Partymeile Nummer 1, die sich ab der Jahrtausendwende entwickelt hatte, sei heute eine andere, die Dynamik auf der früheren Flanierstraße sei weg, „wenn die Leute kommen, kommen sie gezielter“. DJs, Blogger und Gastronomen sind sich einig: Die Theo schwächelt. Vor einigen Monaten packte Floating Market, ein hippes Thai-Restaurant, seine sieben Sachen und zog in ein kleineres Lokal im Gerberviertel, nun versucht in den Räumen ein Italiener sein Glück. Das griechische Lokal Le Grek hat im Dezember 2016 zugemacht und steht seither leer. Es habe sich nicht mehr richtig gelohnt, so der Wirt Konstantinos Kyritsis, der sich nur noch auf ein Vereinsheim konzentriert.

PS-Protze und Happy-Hours

„Die besten Zeiten sind vorbei, definitiv“, sagt Lutz Metzger, der bis 2015 die Club-Lounge Suite 212 führte. Heute ist an der Stelle ein Burger King, Metzger leitet das Café Apotheke am Eugensplatz. Dort fühlt er sich wohler. Das „urbane Lifestyle-Publikum“ habe sich von der Theo abgewandt, nachgerückt sei ein Publikum, das eine andere Ausgehkultur pflege: mehr Mainstream, mehr Junggesellenabschiede, mehr Happy Hours. Negative Begleiterscheinung: PS-Protze auf der Straße – gegen die sich die Stadt seit 2016 mit einer rigorosen Bußgeld-Politik zur Wehr setzt. Metzger sieht das drastisch. „Das ist eine Abwärtsspirale, die nicht aufzuhalten ist“, sagt er und beklagt einen Imageverlust. „2006 hat sich die Stadt Stuttgart mit Bildern von der Theo weltweit als Austragungsort für die WM beworben, das würde sie heute nicht mehr tun.“

Ein Kriminalitäts-Hotspot ist die Gegend offenbar nicht. Martin Schautz, ein Polizeisprecher, berichtet zwar von einem beachtlichen Niveau an Wildpinklern und Aggressionsdelikten, „das Gros läuft aber normal ab“. Auch die Müllprobleme sind aufgrund verstärkter Reinigungsmaßnahmen zurückgegangen. Etwas anderes scheint schwerer zu wiegen. „Die Läden, die die Stuttgarter Szene berührt haben, sind weg“, sagt Suni Musa, selbst vor Ort Betriebsleiter im kleinen Club Rohbau. Er spricht von „Altersschwäche“, bemängelt aber auch ein Überangebot, lasche Türkontrollen und vermisst ein gemeinsames Konzept. Das Stuttgarter Publikum sei naturgemäß sensibel, vielleicht auch eigen, wolle unter sich sein.

Die Hipster sind umgezogen. Schon vor Längerem haben sie das Areal rund um den Hans-im-Glück-Brunnen und das Fluxus eingenommen, in jüngerer Vergangenheit sind das Rotlichtviertel und zuletzt der Marienplatz in den Fokus gerückt. Was auffällt: insbesondere Bars und Restaurants boomen. „Sehr viel Publikum zieht das Abendprogramm dem Nachtprogramm vor“, sagt Musa. Er führt das auf die starke Wirtschaftslage zurück. Auch Sasa Mijailovic, Chef der Disco Kowalski, bestätigt den Eindruck: „Die Leute geben mehr Geld aus für hochwertige Getränke.“ Essen, trinken, dann nach Hause. Als Clubbetreiber täte man sich da schwerer. Musa spürt das auch auf der Theo deutlich: „Es ist weniger, sehr viel weniger“.

Trotz seiner Kritik glaubt Lutz Metzger an die Erneuerung der Theo. In ein paar Jahren, so seine Theorie, wird es mehr Leerstände geben, dadurch günstigere Mieten – und somit die Möglichkeit für junge Kreativköpfe, sich mit alternativen Konzepten zu behaupten. Auch Hausch lässt sich vom baldigen Aus seiner Locations nicht unterkriegen. Er sei „mit offenen Ohren am Markt“.

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Das ändert sich noch in der Ausgeh-Szene


Ende Nicht nur Tonstudio und Muttermilch sind vom Umbau der Calwer Passage betroffen. So feiert das Fluxus am 30. Juni seine Abschiedsparty, die Gastro, etwa Cape Collins und Tatti, darf bis nach der WM, also bis Mitte Juli, bleiben. Auch anderswo könnte bald Schluss sein. Die Verträge für die Clubs Kowalski und Schankstelle laufen – vorerst – nur  noch bis Ende 2019.

Anfang Anderswo öffnen neue Lokale ihre Türen. Seit 1. Februar gibt es die Bar Lennart in der Tübinger Straße. Am Samstag hat außerdem das Gasthaus Bären im ehemaligen Club Zwölfzehn aufgemacht und bietet verschiedene Weine und schwäbische Tapas an.   car