S 21 S 21: Bahn beginnt mit Bau der ersten Kelchstütze

Durch das Traggerüst hindurch sind die Konturen des Kelchfußes in der Baugrube des Tiefbahnhofs erkennbar.
Durch das Traggerüst hindurch sind die Konturen des Kelchfußes in der Baugrube des Tiefbahnhofs erkennbar. © Foto: Ferdinando Iannone
Raimund Weible 20.05.2017

Davon ist Bernd Hillemeier überzeugt: „Die Fachwelt schaut auf Stuttgart.“ Der 76-jährige Professor für Baustoffkunde nennt den Grund dafür: Es ist der Bau der 28 Kelchstützen, die das Dach des neuen Stuttgarter Hauptbahnhof tragen werden und gleichzeitig ermöglichen, dass Tageslicht über Lichtaugen in die unterirdische Station gelangt. „Wie die Elbphilharmonie“ werde die Konstruktion die Menschen anziehen, sagt Hillemeier voraus. Denn in Stuttgart werde ein „Meisterwerk aus Technik, Wissenschaft und Management“ erstellt.

Als Bahnhofs-Architekt Christoph Ingenhoven vor 20 Jahren den Wettbewerb für die neue Station gewann mit einem Entwurf, zu dessen Charakteristika diese weißen Kelchstützen gehören, hieß es damals, das sei unmöglich. Niemals vorher wurden Stützen dieser Form und dieser  Dimension gebaut.

Seither haben Experten an der Technik getüftelt. Bereits vor zwei Jahren erstellten sie ein Muster.  Hillemeier, geschäftsführender Gesellschafter des Berliner Ingenieurbüros IFDB und Mitglied des S 21-Projektbeirats,  zeigt sich optimistisch. Die Ingenhoven-Stützen seien realisierbar, jedoch bedeute der Bau „eine Riesen-Herausforderung an die Ausführenden“. Das Team müsse „die größte Sorgfalt an den Tagen legen“.

Die Stützen sind zwischen neun und zwölf Meter hoch, wiegen rund 1000 Tonnen. Es sind nicht nur die Ausmaße, die den Bau erschweren. Ingenhoven fordert auch, dass die Stützen aus Sichtbeton porenfrei an der Oberfläche und hellweiß ohne Farbauftragung sind. „Anstreichen ist verboten“, betont Hillemeier. Außerdem: Der Brandschutz verlangt, dass der Beton eine Temperatur von bis zu 1200 Grad aushält, ohne dass er zusammenbricht. Gefragt ist also höchste Expertise im Umgang mit Beton. Hillemaier: „Wer Beton nicht kann, kann eigentlich gar nichts.“

Etwa 100 Meter östlich des Hauptbahnhofsturm sind die Bauarbeiter daran, den sechs Meter hohen Fuß für die erste Stütze zu errichten. Sie haben bereits Tonnen an Stahl für die Armierung verflochten. Alles, außer den Schalelementen, entsteht vor Ort. „Eine Lösung mit Beton-Fertigteilen war nicht möglich“, erläutert Bauleiter Ottmar Bögel vom Unternehmen Züblin, und nennt den Grund: die zu hohen Gewichte. Ab wann genau betoniert wird, steht nach Aussagen von S 21- Manager Michael Pradel noch nicht fest. Eigentlich wäre das ab Juni möglich.

Doch der Bauabschnitt Nummer  16 muss, nachdem hier der Plan wegen der Fluchttreppenhäuser geändert worden war, vom Bundesbahnamt erst noch freigegeben werden. Man befinde sich bei der Planfeststellung auf der Zielgeraden, sagt Pradel. Falls es mit der Freigabe Probleme gäbe, würde sich das Bauunternehmen dem Stützenbau im Bauabschnitt 17 zuwenden, teilt Pradel mit.

Bögel rechnet mit einer Bauzeit von etwa sechs Monaten für jede Kelchstütze, deren Kosten er mit jeweils 1,85 Millionen Euro veranschlagt. Nach derzeitiger Planung werden jeweils zwei Stützen parallel gebaut. Demnach stünden alle Stützen erst 2021 – da sollte der Bahnhof schon fertig sein.

Größere zeitliche Probleme räumt Pradel jedoch beim so genannten Südkopf ein.   Im Südkopf des neuen Stuttgarter Hauptbahnhof liegen unterirdisch die Weichenstraßen, die die vier Zufahrtsgleise aus Richtung Filderebene und Ober- und Untertürkheim mit den acht Bahnsteiggleisen des Bahnhofs verbinden.  Nach derzeitigem Stand sind die Arbeiten um zwei Jahre in Verzug.

Die Bahn arbeitet, wie Pradel sagt, an „Gegensteuerungsmaßnahmen“, um wie geplant 2021 in Betrieb gehen zu können.

Kein Träger gleicht dem anderen

Bewehrung In der jetzt im Bau befindlichen ersten Kelchstütze, deren Durchmesser im oberen Bereich rund 32 Meter beträgt, befinden sich etwa 350 Tonnen Bewehrungsstahl. Der Kelchfuß besteht aus 35 Kubikmeter, der darauf befindliche Kelch aus 650 Kubikmeter Beton.

Schalblöcke Insgesamt müssen pro Kelchstütze über 1000 Quadratmeter Fläche geschalt werden. Für den Kelchfuß werden dabei vier vorgefertigte, dreidimensionale Schalblöcke verspannt. Für den Kelch werden 60, für die aufgesetzte Hutze noch einmal 24 Schalelemente benötigt. Im Endzustand ist keine Stütze wie die andere, sie unterscheiden sich in Höhe und Form. eb