Ein laues Lüftchen ringt mit der drückenden Schwüle. Zwischen den mächtigen Industrieanlagen tollen Schüler herum, man hört das Kreischen von Teenagermädchen. Ralf Winkels, stylische Brille, weißes Hemd, schwarze Turnschuhe, steigt über Stahlstufen auf den 70 Meter hohen Hochofen. Im Schlepptau hat der Leiter des Landschaftsparks Duisburg-Nord eine Reisegruppe aus Stuttgart – Mitglieder des Verbands Region Stuttgart (VRS), der regionalen Wirtschaftsförderung, Journalisten. Schritt für Schritt lassen sie die weitläufige Anlage des Mitte der 80er Jahre stillgelegten Thyssen-Hochofenwerks Duisburg-Meiderich unter sich zurück.

Oben angekommen schweift der Blick über Teile des Ruhrgebiets, flaches Land und zwischendrin die für die Gegend so typischen Industrieanlagen, die das Leben zwischen Dortmund und Duisburg jahrzehntelang prägten. Die Kohle- und Stahlindustrie ist längst tot, die Anlagen aber haben überlegt. Zu verdanken ist das der Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscher Park, bei der zwischen 1989 und 1999 geschlossene Zechen, Kokereien und Gießereien im Ruhrgebiet zu Kultur-, Sport- und Veranstaltungsstätten umgestaltet wurden. Die IBA wurde damit zum Treiber der Bewältigung der Strukurkrise. In zehn Jahren wurden 120 Projekte in 17 Städten entlang des Flusses Emscher realisiert, einige wie der Gasometer in Oberhausen, der Tetraeder in Bottrop oder der Landschaftspark Duisburg-Nord erlangten weit über die Grenzen der Region hinaus Bekanntheit.

Ziel: Internationales Renommee

Was in Nordrhein-Westfalen geschafft wurde, soll auch in der Region Stuttgart gelingen: Noch in diesem Jahr soll für die  IBA 2027 „StadtRegion Stuttgart“ der offizielle Startschuss fallen. Sie soll Antwort darauf geben, wie die Menschen in der Region künftig zusammen leben, arbeiten und sich fortbewegen wollen. Ein Ideengerüst dafür wurde erarbeitet, konkrete Projekte gibt es noch nicht. Klar ist nur: Es soll eine IBA mit internationaler Ausstrahlung werden, die durch innovative Wohn- und Mobilitätskonzepte auf sich aufmerksam macht. In Nordrhein-Westfalen können sich die Schwaben einiges abgucken. Man sehe hier, „was mit dem Instrument IBA möglich ist“, fasst es Tobias Schiller von der Wirtschaftsförderung Stuttgart zusammen.

 Das Hotel Duisburger Hof liegt nur einige Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt. Thomas Kiwitt, VRS-Chefplaner, wirft Bilder von Currywurst und Linsen mit Spätzle an die Wand, zeigt Fotos von jubelnden BVB- und VfB-Fans. Nicht nur bei deftigem Essen und Fußball sieht Kiwitt zwischen der Region Stuttgart und dem Ruhrgebiet Gemeinsamkeiten: „Beide sind Polyzentren, bei beiden hat mehr als ein Bürgermeister das Sagen.“

Freilich gibt es zwischen den Projekten auch große Unterschiede: Die IBA im Ruhrgebiet wurde aus bestehenden Anlagen entwickelt, als die Krise bereits da war, jene in der Region Stuttgart soll präventiv Antworten geben, vor dem Strukturwandel, bevor Wohnungsnot, Verkehrsmisere und Luftbelastung ihre volle Härte entfaltet haben.

Chefplaner Kiwitt identifiziert dennoch Punkte, bei denen die Kollegen im Süden von jenen im Norden lernen können. Er denkt an die regionale Identitätsstiftung, an die effektiven administrativen Abläufe bei der IBA Emscher Park und daran, wie der Interessenausgleich vieler Kommunen gelang. Das nennt er den „großen Wurf“ dieser Bauausstellung. Es zeige, dass die IBA auch für die Region Stuttgart die Chance sein könne, „endlich als gemeinsam handelnde Einheit aufzutreten“. Dafür brauche es neue Handlungsweisen und eine stärkere Zusammenarbeit der verschiedenen Ebenen der 179 Städte in der Region. „Es macht keinen Sinn, wenn wir Radschnellwege in Richtung Stuttgart schaffen, die dann in der Stadt nicht weitergeführt werden“, so Kiwitt.

Touristenströme

Mehr als eine Million Besucher pro Jahr kommen mittlerweile in den Landschaftspark Duisburg, erzählt Parkleiter Ralf Winkels stolz. Mit seinen Gästen steht er jetzt in der Kraftzentrale des früheren Hochofenwerks. 170 Meter lang, 35 Meter breit ist die alte Industriehalle, die oft Raum für illustre Events bietet. David Copperfield hat hier schon gezaubert, der Vorstandsvorsitzende von General Motors nutzte die Halle zum intimen Zwei-Personen-Dinner. Mit wem? „Da wollen alle wissen“, sagt Winkels und lacht. Er wisse es nicht.

Viel wichtiger ist die Botschaft, die er transportieren will: dass auf dem Areal mit Innovationskraft, Mut und Ideenreichtum Altes mit einem hohen Anspruch an Ästhetik nutzbar gemacht wurde. So bietet der Park schier unendliche Möglichkeiten. Die meterdicken Betonmauern der ehemaligen Erzbunker fungieren als Klettergarten, im Gasometer wird getaucht, das ehemalige Mangan­eisenlager ist eine offene Trendsporthalle für Jugendliche aus der Nachbarschaft. Zeugnisse von Einfallsreichtum, die man bei der IBA Emscher Park zuhauf findet – von der Skihalle auf der mit totem Stein aufgeschütteten Halde bis zur Zeche Zollverein, seit 2001 Unesco-Weltkulturerbe, deren Grünlandschaft Teil des Emscher Parks ist und auf deren Gelände sich Architekten von Weltruhm verewigt haben.

Wirtschaftliche Effekte

Nicht nur mit Blick auf die Tourismuszahlen sind die Effekte für das Ruhrgebiet spürbar. Auch wirtschaftlich hat die IBA nachhaltige Wirkung. „Das, was die öffentliche Hand in den Park steckt, wird von der Umwegerentabilität übertroffen“, betont Ralf Winkels mit Blick auf seinen Landschaftspark. 12 500 Arbeitsplätze hingen an dem Gelände. „Vor der Schließung der Zeche waren es nur noch 270 Arbeitsplätze“, sagt der Parkchef.

Doch ohne Fleiß kein Preis: Trotz aller Begeisterung wurde auch um die IBA Emscher Park gerungen und gestritten. Ulrich Carow,  Leiter des Fachbereichs Umwelt beim Regionalverband Ruhr, resümiert beim Gespräch im Duisburger Hof: „Das war ein Labor mit Praktikanten.“  Herausforderung sei gewesen, Menschen in Verwaltungen, die es gewohnt seien, auf formalrechtlicher Grundlage zu arbeiten, dazu zu bringen, sich etwas zu trauen. Der Appell an die Stuttgarter schwingt mit, auch bei ihrer IBA die Grenz­überschreitung zu suchen, gezielt zu provozieren.

Bleibt nur noch der „schwäbische Bruddler“, wie Planer Kiwitt sagt, den es mitzunehmen gilt, lebt ein solches Projekt doch schließlich von der Begeisterung der Massen. Das Ruhrgebiet hat es vorgelebt. Egal, mit wem man über Emscher Park spricht  – man spürt die ehrliche Überzeugung. Die Bauausstellung hat dem Ruhrpott Selbstbewusstsein zurückgegeben. Gleichzeitig wurde durch sie ein regionales Netzwerk geschaffen, das bis heute besteht und weiter wirkt. Kiwitt ist zuversichtlich, dass das auch in Stuttgart gelingt – über die gemeinsame Problemlage oder das gemeinsame Ziel, wie er sagt. Auch Helmuth Haag, Sprecher der Wirtschaftsförderung, ist optimistisch. Mit der IBA könnten Gemeinden Bauprojekte veredeln. „Warum sollten sie das nicht tun?“

Gründung im Sommer


Zeitplan Im Sommer soll mit der Gründung einer Gesellschaft der offizielle Startschuss für die IBA 2027 „StadtRegion Stuttgart“ fallen. Zuvor müssen die beteiligten Gremien ihre Zustimmung erteilen. Danach sollen ein Büro eingerichtet und ein Intendant bestimmt werden.

Gesellschafter Die Stadt Stuttgart, der Verband Region Stuttgart und die regionale Wirtschaftsförderung sowie zu kleineren Teilen die Architektenkammer und die Uni Stuttgart sollen zu den Gründungsmitgliedern der Gesellschaft gehören. Das Gesamtbudget soll bei einer Million Euro pro Jahr liegen. Anders als bei der IBA Emscher Park wird das Land zumindest anfangs nicht zu den Gesellschaftern gehören. Das Projekt soll auf Bestreben des Wirtschaftsministeriums zwischen 2018 und 2027 aber „ausreichend finanziell“ unterstützt werden, wie ein Sprecher mitteilt. dl