Sport Der Torwart ist das Auge des Teams

Die blinden Sportler schützen mit einer Maske ihre Augen. Trainer Giuseppe Calaciura (2.v.l.) beobachtet das Training.  
Die blinden Sportler schützen mit einer Maske ihre Augen. Trainer Giuseppe Calaciura (2.v.l.) beobachtet das Training.   © Foto: Ferdinando Iannone
Stuttgart / Von Nadja Otterbach 20.06.2018

Dienstagabend auf dem MTV-Gelände am Kräherwald. Es herrscht Hochbetrieb bei dem Stuttgarter Sportverein. Auf nahezu jedem Feld wird gekickt, Leichtathleten drehen ihre Runden. Ganz hinten, auf einem 40 auf 20 Meter großen Spielfeld, versammelt Giuseppe Calaciura ein Dutzend Männer um sich. Er lässt sie dribbeln, passen und auf Tore schießen, die so groß sind wie beim Feldhockey. Spätestens jetzt merkt der Zuschauer: Irgendwas ist anders. Der Ball rasselt laut, wenn er rollt. Das Feld ist von Seitenbanden umrandet, und immer wieder ruft ein Spieler „Voy!“ – was auf Spanisch „Ich gehe ran!“ heißt. Die Spieler, die hier trainieren, sind blind.

Giuseppe Calaciura trainiert die Blindenfußballer des MTV Stuttgart seit zwei Jahren. Nicht nur spielerisch hätten ihn die Jungs beeindruckt, auch charakterlich, sagt er und lacht herzlich. „Sie sind aufmerksam und nehmen das ganze sehr ernst. Es ist überragend, was sie leisten.“ Zweimal in der Woche trainiert das Team. Von Mai bis August sind die Spieler fast jedes Wochenende unterwegs, meistern Testspiele in Belgien oder Frankreich und Matches innerhalb Deutschlands, wo sieben Bundesliga-Teams aktiv sind. Die Schwaben können etliche Erfolge aufweisen: Fünfmal holten sie den Meistertitel, zuletzt 2013. Drei der Stuttgarter spielen in der Nationalmannschaft. Alexander Fangmann, Lukas Smirek und Mulgheta Russom sind alte Hasen: Sie bewegen sich schnell und sind raffinierte Techniker.

Mulgheta Russom ist eine Berühmtheit in der Szene, als Kapitän ist er das Herz der Mannschaft, der Motivator, der die anderen mit seiner Lebensfreude mitreißt. Die Geschichte des aus Eritrea stammenden 39-Jährigen ging bundesweit durch die Medien. Mit 20 Jahren verlor Russom nach einem Autounfall sein Augenlicht. Der Sport rettete ihn, sagt er. „Als ich aus dem Koma erwachte, wollte ich sofort wieder trainieren. Meinen Humor und meinen sportlichen Ehrgeiz habe ich nie verloren.“ Vor seinem Unfall spielte er bei der TSG Tübingen in der Landesliga, heute gilt Russom als erfolgreichster Blindenfußball-Nationalspieler im Land. Und verdient trotzdem kein Geld damit. Beschämend findet er das, „es fehlt an Wertschätzung von Seiten des DFB“. In Botnang, wo er wohnt, arbeitet er als Fitness- und Personaltrainer.

Das Training seiner Teamkameraden ist in vollem Gange. Die Männer legen ein hohes Tempo an den Tag. Russom kann das ganze nur vom Rand verfolgen. Er hat Sportverbot, weil er sich bei einem Trainingsspiel das Schienbein brach. Hinter den Toren stehen zwei Frauen. Sie rufen „Acht...sechs Meter...hier!“ und verhelfen den Stürmern so zum perfekten Schuss. Die Guides gehören zum festen Team und sind neben dem Torwart die einzigen, die sehen können. Auch Torwart Hendrik Lessnerkraus, 16, dirigiert durch Rufen seine Kameraden – pausenlos. „Beim Blindenfußball hat man als Torwart nonstop was zu tun“, erklärt er.

Mulgheta Russom sieht sich als blinder Fußballer nicht unbedingt benachteiligt gegenüber den Sehenden. „Die haben zwar Blickkontakt“, sagt er, „sind aber für vieles blind“. Er spüre Energien und Spannungen, wisse genau, was um ihn herum geschieht. „Wir vertrauen uns blind, und das buchstäblich.“ Das sieht auch Doran Haji, 20, so. Der Syrer wurde vor fünf Jahren durch Granatsplitter an den Augen verletzt, verlor sein Sehvermögen. Keiner in der Mannschaft ist von Geburt an blind. „Ich konnte mir Blindenfußball nicht vorstellen“, sagt Haji. Doch dann habe er die Begeisterung der anderen gespürt. Vor allem die Nationalspieler hätten ihn motiviert, es zu versuchen, „und jetzt macht es mir sehr viel Spaß“.

Über Zuschauer freuen sich die MTVler sehr. Einzige Regel: Gejubelt werden darf erst, nachdem ein Tor gefallen ist. „Sonst hören wir den Ball nicht mehr“, sagt Russom.

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MTV feiert 175-jähriges Bestehen

Jubiläum Den MTV Stuttgart gibt es seit 175 Jahren. Das Jubiläum feiert der Verein am 1. Juli ab 13 Uhr auf der Sportanlage Am Kräherwald mit einem Sommerfest. Zum Programm gehören Mitmachangebote aller Abteilungen. Die Blindenfußballer werden zeigen, was sie können, und nehmen Sehende an die Hand: Sie können mit verbundenen Augen spielen.

Historie Mit dem ersten internationalen Blindenfußballturnier im Mai 2006 in Berlin begann die Geschichte des Blindenfußballs in Deutschland. Hierzulande gab es bis dahin keinen in Vereinen organisierten Blindenfußball wie etwa in Südamerika, England oder Spanien. Seit 2008 werden Wettkämpfe in Deutschland in einer eigenen Liga – der Deutschen Blindenfußball-Bundesliga (DBFL) – ausgetragen. Das MTV-Team gibt es seit 2006. nad

Serie Die Fußball-WM löst Begeisterung aus. Sie spricht Menschen aus allen Kulturkreisen und Lebensumständen an. Während der WM stellen wir einige besondere Mannschaften vor. Im ersten Teil ging es um Flüchtlinge und peruanische Kicker.

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