Konkurrenz Der Preis macht die Differenz

Stuttgart / Von Raimund Weible 20.12.2017

Im Varieté-Bereich ist in Stuttgart das Angebot erheblich gewachsen. Am längsten in diesem Genre ist das traditionsreiche Friedrichsbau-Varieté aktiv, das seit drei Jahren auf dem Stuttgarter Pragsattel residiert. Ihm ist saisonale Konkurrenz hauptsächlich durch das Theater Palazzo auf dem Cannstatter Wasen erwachsen.

Auf diesem Kulturfeld grast aber auch das „Traumtheater Salome“. Sein Dinner-Zelt steht vom 27. November bis 14. Januar 2018 an der Löwentorstraße. Die Truppe des kanadischen „Cirque du Soleil“ gastierte mit seiner Artistik-Revue „Ovo“ von Ende November bis Anfang Dezember in der Porsche-Arena.

„Dass wir so viel Konkurrenz haben, finde ich persönlich nicht so ganz erfreulich“, klagt Friedrichsbau-Geschäftsführer Timo Steinhauer.  Wir haben untersucht, worin sich das Friedrichsbau-Varieté und Harald Wohlfahrts Palazzo unterscheiden.

Geschichte: Das Friedrichsbau-Varieté ist ein traditionsreiches Unternehmen. Seinen Namen hat es von dem im Krieg zerstörten Jugendstilgebäude in der Stuttgarter Stadtmitte. Dort entstand 1901 eine „Spezialitätenbühne“, auf der Stars wie Josephine Baker, Rastelli und der Clown Grock auftraten. Das Palazzo gastiert seit 2004 in Stuttgart. Das Zelt steht auf dem Cannstatter Wasen.

Trägerschaft: Das Friedrichsbau ist seit 2014 ein gemeinnütziges Unternehmen, das von den Geschäftsführern Gabriele Frenzel und Timo Steinhauser geleitet wird. Inhaber des Pallazzos ist die Hamburger Palazzo Produktionen GmbH, geleitet von  Folkert Koopmans und Michaela Töpfer. Palazzo ist auch in Berlin, Hamburg, München, Nürnberg, Graz und Wien vertreten.

Gebäude:  Das Friedrichsbau residiert seit 2014 in einem eigenen Haus auf dem Stuttgarter Pragsattel. Nach dem Ausstieg der langjährigen Förderin, der L-Bank, musste das Varieté aus der Friedrichsbau-Rotunde in der Friedrichstraße ausziehen.  Das Palazzo ist in dem zeltartigen, über acht Meter hohen „Spiegelpalast“ untergebracht. Das Zelt hat einen Durchmesser von 43 Metern. Der Innenraum wirkt durch die 140 Lüster und den Effekt der Spiegel etwas feierlicher als derjenige des Friedrichsbaus. Nach Saisonende wird das Zelt wieder abgebaut.

Spielzeit: Das Friedrichsbau bespielt seine Bühne das ganze Jahr hindurch. Es zeigt eigene Programme mit  dafür engagierten Künstlern und verpflichtet Solo-Künstler und Ensembles für Gastspiele. Das Palazzo ist ein Saisonbetrieb. Es gastiert lediglich in der kalten Jahreszeit  (vom 10. November 2017 bis 11. März 2018), die als die publikumsträchtigere Saison gilt. Das derzeitige Programm „Kuriositäten“ läuft die ganze Saison.

Bühne: Die Bühne des Friedrichsbaus ist klassisch an der Vorderfront des Saals aufgebaut.  Die Tische sind so angeordnet, dass von jedem Platz ein freier Blick zur Bühne möglich ist.  Lediglich Darbietungen wie etwa derjenigen von der Equilibristikerin  Nanou finden mitten im Publikum statt. Die Bühne des Palazzos ist etwas kleiner, die Tische sind im Dreiviertelrund darum  gruppiert.

Kapazität: Im Friedrichsbau kommen bis zu 324 Zuschauer unter. Im Palazzo-Zelt finden bis zu 370 Gäste Platz.

Feinsinnig und multibegabt

Conferencier: Durchs Programm „Circus Circus – Show, Freaks und Sensationen“, das bis 18. Februar gezeigt wird, führt der feinsinnige Weißclown Merlin. Seine große Stärke ist das mimische Spiel. Im Palazzo sagt der multibegabte australische Entertainer Steven Bishop auf etwas rustikalere Weise an.

Musik: Im aktuellen Programm kommt die Musik des Friedrchsbaus von der Konserve. Für die Revue „Sing Time“ vor einem Jahr engagierte Regisseur Ralph Sun allerdings die holländische Band „Slampampers“. Im Palazzo spielt die vierköpfige Band „Sidewalkers“ erfrischend auf.

Essen: Zu den Eigenheiten des Varietés gehört, dass die Besucher während der Vorstellung bewirtet werden. Das Friedrichsbau wird vom Gastronomie-Betrieb Schmücker versorgt. Menüs gibt es auf Vorbestellung. Sie sind, wie die übrigen Speisen und Getränke, im Eintrittspreis nicht inbegriffen. Allerdings herrscht im Friedrichsbau kein Verzehrzwang. Das dreigängige Menü kostet beim jetzigen Programm „Circus Circus“ 36,50 Euro, Linsen mit Spätzle 12,80 Euro und der Crevettencocktail  9,50 Euro. Im Palazzo ist das viergängige Menü obligatorisch. Dafür steht Harald Wohlfahrt, der frühere Chefkoch der Baiersbronner Schwarzwaldstube, mit seinem Namen. In dieser Saison wird den Gästen  als Vorspeise eine gebackene Garnele auf Ananas-Mango-Chutney serviert. Als Zwischengang gibt es es Kokos-Chili-Süppchen mit Fjordforelle, als Hauptgang lackierte Perlhuhnbrust auf Kokosrisotto. Auf dem Dessertteller liegt eine Komposition von Pralinenparfait mit Orangengranité, Limonenbaiser und Ragout von Zirusfrüchten.

Bedienung: Während der Show wird im Friedrichsbau dezent bedient, „damit sich alle Gäste auf das Programm konzentrieren können“.  Eine Show dauert zwei bis zweieinhalb Stunden inklusive einer 20-minütigen Pause. Im Palazzo wird während der Pausen aufgetragen. Die einzelnen Gänge werden innerhalb von zehn Minuten serviert – eine logistische Meisterleistung. Die Show dauert dreieinhalb Stunden

Preise: Im Friedrichsbau sind Tische in vier verschiedenen Kategorien buchbar. Ein Ticket kostet unter der Woche zwischen 33 und 53 Euro, am Wochenende 38 bis 58 Euro. Auch beim Palazzo unterscheiden sich die Ticketpreise je nach Wochentag. Von Sonntag bis Donnerstag kosten die Eintrittskarten zwischen 89 und 136 Euro, ansonsten zwischen 98 und 148 Euro.

Fazit: Das Vergnügen im Friedrichsbau-Varieté kommt die Gäste günstiger. Wer die billigste Kategorie unter der Woche wählt und dazu das dreigängige Menü bestellt, bezahlt 69,50 Euro ohne Getränke. Das vergleichbare Angebot im Palazzo ist, allerdings mit viergängigem Menü, zu 89 Euro zu haben. Da niemand im Friedrichsbau verpflichtet ist, etwas zu verzehren, kann sich die Differenz zwischen den beiden Angeboten noch erhöhen.

Augen- und Gaumenschmaus

Der Begriff Varieté stammt aus dem Französischen und ist die abgekürzte Form von „théatre de variétés“. Gemeint ist damit eine Bühnenaufführung mit buntem und wechselndem Programm, bei dem artistische und akrobatische Elemente dominieren. Anleihen werden dabei vom Theater und vom Zirkus genommen. Im Gegensatz zu einer Theateraufführung ist eine dramatische Handlung im Varieté nicht notwendig. Meist fügt aber ein Conferencier die verschiedenen Elemente zusammen. Zu den Eigenheiten des Varietés gehört, dass das Publikum an Tischen sitzt und bewirtet wird.  Die ersten Varietés gingen im 19. Jahrhundert aus öffentlichen Tanzsälen hervor. eb 

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