Fellbach Der König des Schurwalds

Albvereins-Vize Reinhard Wolf vor dem Kernenturm. 
Albvereins-Vize Reinhard Wolf vor dem Kernenturm.  © Foto: Ferdinando Iannone
Fellbach / RAIMUND WEIBLE 25.07.2016
Er ist einer von sieben Albvereinstürmen in der Region Stuttgart: der Kernenturm im Schurwald. Er wurde schon vor 120 Jahren gebaut.

Man glaubt bereits am Ziel zu sein. Über 140 Stufen sind geschafft. Aber jetzt heißt es aufgepasst. Denn kurz vor dem Ausgang zur Aussichtsplattform droht eine Kante an der Decke. Normal gewachsene Menschen sollten hier auf den aufrechten Gang verzichten und das Genick einziehen. „Sonst gibt es eine auf die Nuss“, sagt ein Kundiger, der am Biertisch vor dem Turm vespert. Leute, die schlechte Erfahrungen gemacht haben, sagen Beulenturm zum Kernenturm.

Doch die gefährliche Kante hält nur wenige ab, den Turm auf den Höhen des Schurwalds zu besuchen. Er ist ein beliebtes Ziel. „Am Wochenende, wenn die Sonne scheint, dann brummt es hier“, sagt Tom Kristek, der Mann im Kiosk am Fuß des Turms. Familien mit Kindern lagern dann im Schatten der Buchen und Eichen. Auch sehr viele Mountainbiker sind auf dem Platz anzutreffen. Denn zum Turm führen einige Trails.

Dem Turm ist alt. Tatsächlich ist der Kernenturm der älteste des Schwäbischen Albvereins, und vermutlich auch der älteste Turm Württembergs, der nur wegen der Aussicht gebaut wurde. Die Stuttgarter Ortsgruppe des Albvereins hat ihn 1896 errichtet. Somit wird der Kernenturm 120 Jahre alt. Im Oktober feiert die Ortsgruppe Stuttgart das kleine Jubiläum mit einer Wanderung zum „König des Schurwalds“.

Das 27 Meter hohe Bauwerk verströmt Burgenromantik. Erbaut wurde er im repräsentativen Stil der Stuttgarter Bürgerhäuser des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Gemauerte Sandsteine mit Lagefugen erwecken den Anschein eines mittelalterlichen Bergfrieds. „Das könnte man sich heute nicht mehr leisten“, sagt Reinhard Wolf, der Vizepräsident des Albvereins. Überm ovalen Portal ist ein metallenes Wappen befestigt mit Eichen- und Buchenlaub, dem alten Symbol des Albvereins, mit dem Württemberger Hirschgeweih und dem Stuttgarter Rössle. Drüber ragt ein kleiner Balkon heraus: Gut geeignet, um von hier aus Reden an die versammelte Wandergemeinde zu richten.

Ins Innere des Turms strömt Tageslicht durch Schlitze im Mauerwerk, die an Schießscharten erinnern. Ganz oben verstärken Zinnen den Eindruck einer Burg. Ähnlich wurden in dieser Zeit Bismarcktürme errichtet, allerdings mit weit massigerem Baukörper. Sie sollten Macht demonstrieren. Diese Wirkung geht von dem eher zierlichen, von Wald umsäumten Kernenturm nicht aus.

Weil die Bäume um den Turm immer höher  und höher wuchsen, erhielt der Turm in den dreißiger Jahren einen etwa drei Meter hohen Aufsatz. Damit ist eine gute Rundumsicht garantiert. Vor fünf Jahren hat der Albverein mit Hilfe von Sponsoren an allen vier Seiten der Plattform Panoramatafeln aufgestellt, welche die Orientierung erleichtern.

„Von keinem anderen Punkt – außer vom Stuttgarter Fernsehturm – hat man einen derart faszinierenden Rundblick über nahezu das ganze württembergische Unterland“, verspricht der Turmeigner. Der südwestlichste Punkt, der bei klarer Sicht zu sehen ist, ist der Plettenberg, 73 Kilometer Luftlinie entfernt. Und im Norden gerät, winzig klein, der Katzenbuckel im Odenwald in den Blick – 79 Kilometer entfernt.

Mit dem Kernenturm erwachte die Turmbegeisterung der Wandersleut vom Albverein. Als es noch keine Flugzeuge gab und damit auch keine Luftbilder, war es für die Menschen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts von großem Reiz, die Landschaft von oben zu betrachten. An Standorten wie dem vollständig bewaldeten Kernen (513 Meter), mit dem Wasserturm von Oberberken höchster Punkt des Schurwalds, war aber dieses Erlebnis nur per Turm möglich. Daher kratzten die Stuttgarter Albvereinler 1896 18 000 Reichsmark zusammen. Innerhalb von vier Monaten stand der Turm.

Nach und nach kamen weitere Türme hinzu. Insgesamt besitzt der Albverein 29 Türme, sieben davon stehen in der Region Stuttgart. „Jeder Turm ist ein Kind seiner Zeit“, sagt Wolf. Der Eselsburgturm bei Vaihingen-Ensingen (Kreis Ludwigsburg) aus dem Jahr 1925 wirkt mit seiner hölzernen Fassade und seinen roten Fensterläden wie ein Turm aus einem Kinderbuch. Der Uhlbergturm bei Plattenhardt, ganz aus Beton, nimmt den in der Nachkriegszeit gepflegten Stil auf, ebenso der Katharinenlindenturm von Esslingen-Rüdern.

Der Jubiläumsturm von Plochingen, erbaut zum 50-jährigen Bestehen des Albvereins 1938, ist von gedrungener Gestalt und nur 14 Meter hoch. Allerdings muss sich dieser Bau auch nicht über einen Wald erheben, er steht auf einem Berghang über dem Neckartal. Höchstgelegener Aussichtsturm in der Region ist der Turm auf der Burg Teck bei Kirchheim.

Die meisten Türme stehen an Stellen, an denen die Landvermesser im 19. Jahrhundert hölzerne Vermessungsgestelle aufgerichtet hatten. Diese einfachen Holzgerüste dienten dann auch als Luginsland. „Als sie morsch wurden,  hat man feste Türme gebaut“, sagt Reinhard Wolf.

Der Albverein und die Türme – das gehört zusammen. „Sie sind uns lieb und teuer“, sagt Wolf doppelsinnig. Denn mit den Türmen und den 21 Wanderheimen ist auch eine große Baulast verbunden. Im Laufe der Jahre hat der Verein Millionen in die Sanierung der Türme und den Bau von Wasserleitungen und Abwasserleitungen investiert. Jährlich bringt der Verein um die 300 000 Euro für die Unterhaltung der Türme und Heime auf. Das macht einen großen Teil des Vereinsetats aus. Als die Hauptversammlung zuletzt den Jahresbeitrag für Vollmitglieder auf 47 Euro aufstockte,wurde ausdrücklich gesagt, dass drei Euro des Aufschlags in die Bauten fließen.

Für den Kiosk am Kernenturm muss der Verein indes nicht aufkommen. Das niedrige Gebäude gehört der Stadt Fellbach, auf deren Gemarkung der Turm steht. An kalten Tagen kann man sich auch im kleinen Gastraum aufwärmen. „Dann blubbert unser Schwedenofen“, sagt Kristek.

Drei Wanderwege führen zum Ziel

Verborgen Der Kernenturm ist aus der Ferne schwer zu identifizieren. Seine Spitze ragt kaum erkennbar aus der flachen Waldkuppe hervor – eine verborgene Schönheit.

Routen Zu erwandern ist er aus verschiedenen Richtungen. Von Rommelshausen aus führt ein Albvereinspfad mit blauem Strich über den Bergrücken Beiburg (sechs Kilometer). Von Endersbach geht die Route über den Georg-Fahrbach-Weg nach Stetten und ab dort zugleich auf dem Württembergischen Wein-Wanderweg (sieben Kilometer). Der Weg von Untertürkheim aus verläuft zunächst über den Albvereinsweg (roter Punkt)  zur Grabkapelle auf dem Württemberg. Danach geht es auf einer sechs Kilometer langen Strecke weiter auf dem Wein-Wanderweg bis zum Turm. eb    

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