Ausstellung Den Fernsehturm mit den Händen sehen

Stuttgart / lsw 07.06.2018

Maria Seidler hat sich lange auf diesen Tag vorbereitet. Am diesjährigen Sehbehindertentag führte sie 14 Sehbehinderte und Sehende am Mittwoch durch das Stuttgarter Museum Stadtpalais. Dafür hat sich die kleine, zierliche Frau mit der Biografie des Nürtinger Theologen Otto Umfried beschäftigt und die Geschichte des Tagblatt-Turms auswendig gelernt. Gelernt hat sie ebenfalls, wie ein Stuttgarter die Spätzlepresse erfand und wie das Sauerkraut von den Fildern berühmt wurde. Seidler ist seit ihrer Geburt stark sehbehindert. Jetzt, mit 64 Jahren, hat die Seniorin noch etwas mehr als zwei Prozent Sehstärke.

Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) hatte den Tag 1998 eingeführt, um auf die speziellen Bedürfnisse von Menschen aufmerksam zu machen, die gar nichts mehr oder nur noch wenig sehen. Jedes Jahr hat der Tag ein anderes Motto, das in bundesweiten Veranstaltungen aufgegriffen wird.

Was sich Sehenden auf den ersten Blick erschließt, muss Seidler ihrer Gruppe erst erklären: Wie sieht der Raum eigentlich aus, in dem sie gerade stehen? Welche Objekte liegen wo und aus welchem Grund? Was kann man ertasten, was vielleicht sogar hören?

Maria Seidler spricht laut und deutlich, versucht, ihre Gruppe beisammen zu halten. Manche Teilnehmer haben sehende Begleiter dabei, die sie sicher durch das Labyrinth aus Vitrinen führen. Andere finden ihren Weg allein, vorsichtig, nur mit Blindenstock und gutem Gehör ausgerüstet. Niemand ist gehetzt, alle hören interessiert zu und tasten begierig ab, was frei zugänglich ist: Vom Fernsehturm über den Bahnhof bis hin zur Mercedes-Benz-Arena.

Sigrid Angermann hat ein Monokular dabei. Auch die 71-Jährige ist seit ihrer Geburt stark sehbehindert. Ein paar Museumsbilder und auch große Texte kann sie mit der Sehhilfe erkennen. Außerhalb des Museums benutzt sie diese beispielsweise im Straßenverkehr. „Farben erkenne ich noch ganz gut“, sagt Angermann. Deshalb findet sie auch die Gestaltung des Treppenhauses im Stadtpalais prima: Dank schwarzer Böden und heller Wände ist der Weg auch für Menschen mit Sehschwäche gut erkennbar.

Museumspädagogin Silvia Gebel sagt, dass die konservatorischen Vorschriften bei Dauerausstellungen sehr strikt sind. Was jahrelang im Museum stehen soll, muss durch eine Vitrine geschützt werden – und wird somit für Sehbehinderte praktisch unzugänglich gemacht. Bei kürzeren Sonderausstellungen habe man hingegen schon mehr Spielraum: Hier müssen Objekte nicht zwingend in einem Glaskäfig verschwinden. In puncto Tastobjekte ist das „Palais“ schon gut ausgerüstet, findet  Seidler. Es mangle jedoch noch an der Vertonung der vielen Texte. „Wir sind dran“, verspricht Museumspädagogin Gebel.

Blinde werden in Deutschland nicht speziell erfasst

Stadtpalais Das Museum für Stuttgart wurde Mitte April im ehemaligen Wilhelmspalais nach mehrjähriger Umbauphase eröffnet. Die ständige Ausstellung „Stuttgarter Stadtgeschichten“ beleuchtet die Geschichte der Stadt seit Ende des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart.

Blinde In Deutschland gelten Menschen als sehbehindert, die auf dem besser sehenden Auge selbst mit Brille weniger als 30 Prozent der vollen Sehfähigkeit haben. Als blind gilt man ab weniger als zwei Prozent der ursprünglichen Sehfähigkeit. Blinde und Sehbehinderte werden in Deutschland nicht speziell erfasst, kritisiert Volker Lenk, Sprecher des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands (DBSV). Der DBSV schätzt auf Basis von Zahlen der Weltgesundheitsorganisation, dass es in Baden-Württemberg rund 160 000 blinde und sehbehinderte Menschen gibt. dpa

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