Mobilität Das Fahrrad unter den Arm klemmen

Im Flachen fährt Oliver Zirn auch ohne Elektrohilfe.
Im Flachen fährt Oliver Zirn auch ohne Elektrohilfe. © Foto: Marcus Mockler/dpa
Esslingen / epd 07.11.2018

Mit dem Rad zur Arbeit – diese Idee scheidet für viele Angestellte schon aus praktischen Gründen aus. Oft sind die Wege zu weit oder man will nicht völlig verschwitzt im Büro ankommen. Eine mögliche Lösung hat ein Team der Hochschule Esslingen um Professor Oliver Zirn entwickelt: superleichte Räder mit Elektroantrieb, die sich zusammenfalten lassen.

Den Tüftlern ging es um die „letzte Meile“ – also einen vergleichsweise kurzen Weg von Bus- oder Bahn-Haltestelle zum Arbeitsplatz und zur Wohnung. Das Gefährt muss zusammenklappbar sein, damit man es als „Gepäckstück“ auch zu Stoßzeiten mit in die Bahn nehmen kann.

Erste Überlegungen vor knapp drei Jahren brachten Zirn und seinen Kollegen Axel Norkauer von der Hochschule für Technik in Stuttgart auf die Idee, elektrisch unterstützte Roller einzusetzen. Die sind etwa in US-Großstädten mittlerweile sehr populär, doch für deutsches Recht viel zu flott unterwegs. „Die schaffen 20 Stundenkilometer, das ist für den Gehweg unvernünftig schnell“, sagt Zirn. Also bauten sie dem Roller einen Ultraschallsensor ein, der Personen in Fahrtrichtung erkennt und dann automatisch das Gefährt abbremst.

Noch keine Genehmigung

Doch bei den zuständigen Stellen traf auch dieses Modell auf keine Gegenliebe. Eine Genehmigung lehnten die Verkehrsjuristen wegen möglicher Gefährdungen für andere Bürgersteigbenutzer ab. Eine Dauerdrosselung auf sechs Stundenkilometer empfanden wiederum die Probefahrer als uninteressant.

Mit 250 000 Euro Fördermitteln des Landesverkehrsministeriums ging es deshalb 2016 an die nächste Idee: Falträder mit Elektroantrieb. Die gab es zwar schon von mehreren Herstellern auf dem Markt, doch mit relativ hohem Gewicht und deshalb für die schnelle Mitnahme in Bus und Bahn zu schwer. In Zusammenarbeit mit der taiwanesischen Firma Strida ist es gelungen das Zweirad abzuspecken: Es ist nach Angaben der Hochschule mit 9,9 Kilogramm das weltweit leichteste elektrifizierte Faltrad.

Nachteil: Die Verwendung von Leichtmaterialien wie Carbon ist teuer. Das Faltrad dürfte über 3000 Euro kosten. Deutlich günstiger liegt die Variante aus Aluminium mit weniger als 1000 Euro – allerdings auch mit eineinhalb Kilogramm mehr Gewicht. Der Akku reicht mit seiner Kapazität von 100 Wattstunden für acht bis zwölf Kilometer.

Das Rad lässt sich auf der Ebene mühelos ohne elektrische Unterstützung fahren, auch wenn es nur einen einzigen Gang hat, der die Tretkraft per Zahnriemen auf das Hinterrad überträgt. Geht es bergauf, lädt man per Knopfdruck Energie hinzu. „Damit kommen Sie ohne große Anstrengung die Stuttgarter Weinsteige hoch“, verspricht Forscher Zirn. Das Verhalten des Faltrads ist leicht gewöhnungsbedürftig. Bei starkem Schub aus dem Motor kann das Vorderrad kurz abheben.

Kaufen kann man das Rad noch nicht. Eine Unsicherheit für die Einführung seines E-Faltrads sieht Zirn in der Politik: Derzeit bemühten sich Anbieter aus den USA, deutsche Großstädte mit einem Netz ausleihbarer Elektroroller zu überziehen. Sollte das genehmigt werden, wäre das E-Faltrad zwar noch interessant – allerdings würden sich Nutzer wahrscheinlich für den leichteren Roller entscheiden.

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