Sebastian Stoll hat schon vor Jahren begonnen, seinen Unterricht mit digitalen Hilfsmitteln anzureichern. Der Riedlinger Realschullehrer (Mathematik, Sport) produziert Erklärvideos und arbeitet mit der Methode „Flipped Classroom“. Er glaubt: Die Schulschließung wegen der Pandemie versetzt digitalem Unterricht einen Schub.

Herr Stoll, die Schulen sind jetzt fast drei Wochen geschlossen. Wie haben Sie trotzdem unterrichtet?

Sebastian Stoll: Wir an der Geschwister-Scholl-Schule in Riedlingen sind gut aufgestellt. Als klar war, dass die Schulen geschlossen werden, haben wir im Kollegium gesagt: Wir brauchen trotzdem Echtzeit-Kommunikation mit den Kindern. Das ist zum Glück überwiegend gelungen.

Wie denn?

Wir haben einen „Sharepoint“, den ein technisch begabter Kollege in Eigenregie schon vorher eingerichtet hatte. Das ist eine Dateiablage im Internet, über die wir Material an Schüler verteilen. Am Freitag vor der Schulschließung haben wir zudem in einer Nacht-und-Nebel-Aktion einen Messenger gesucht und gefunden. Er funktioniert wie Whatsapp, aber die Daten sind sicher. Darüber kann man super kommunizieren. Es gibt Chatgruppen für Klassen, aber man kann auch mal schnell einem Schüler einzeln eine Nachricht schicken, wie: Zeig mir mal bitte dein Heft. Außerdem haben wir die Möglichkeit für Videokonferenzen.

Stuttgart

Dafür brauchen die Schüler aber viel Technik zuhause.

Eigentlich nicht. Nur ein Smartphone oder Tablet und W-Lan. Das haben eigentlich sowieso alle. Für die Klassen neun und zehn haben wir den Messenger verpflichtend vorgeschrieben, da nutzen ihn über 90 Prozent. Für die Jüngeren war er freiwillig, da haben ihn rund 70 Prozent der Kinder installiert. Aber natürlich haben wir auch Pakete mit Arbeitsblättern ausgegeben.

Wie lief dann die Arbeit?

Ich habe überwiegend Wochenpläne mit Aufgaben vergeben. Die Schüler mussten jetzt verstärkt lernen, selbstorganisiert zu arbeiten. Meine Vorgabe war: mindestens 60 Minuten am Tag rechnen. Ganz wichtig finde ich aber, dass wir über die Technik nicht nur Aufgaben stellen, sondern auch sozialen Kontakt gewährleisten. Ich nutze dafür jetzt verstärkt persönliche Sprachnachrichten. So kann ich Einzelnen direkt helfen. Das geht fast besser als im normalen Unterrichtsalltag.

Sind denn auch Schüler einfach abgetaucht?

Das geht nicht. Über den Messenger ist jeder erreichbar. In Mathe kontrolliere ich täglich die Hausaufgaben. Zu einem festen Zeitpunkt bekommen die Kinder eine automatisierte Nachricht, dass sie bitte ihre Hefte abfotografieren und mir das Foto schicken sollen. Wenn einer dann nichts geschickt hat, konnte ich direkt nachhaken.

Viele Lehrer ließen zuletzt vor allem wiederholen und üben. Sie konnten auch neuen Stoff erarbeiten. Wie?

Ich praktiziere seit sechs Jahren die Methode „Flipped Classroom“. Das heißt, ich produziere Erklärvideos und Scripte. Mit diesem Input erschließen sich Schüler zuhause neuen Stoff. Im Unterricht wird dann angewendet und geübt. Für eine Situation wie jetzt ist das perfekt.

Klingt alles ziemlich aufwändig.

Enorm. Ich arbeite gerade zwei- bis dreimal soviel wie sonst. Am Anfang habe ich rund um die Uhr auf Nachrichten von Schülern geantwortet. Dann habe ich gemerkt: Langfristig wird das schwierig. Ich habe ja auch vier eigene Kinder hier zuhause. Das ging nur mit einer guten Struktur.

Nach den Ferien sollen die Schulen wieder öffnen. Was nehmen Sie mit?

Wahnsinnig viel. Ich bin überzeugt: Der Digitalisierung des Unterrichts wird Corona einen Schub versetzen. Das war ein Game Changer. Im normalen Betrieb mahlen die Mühlen so langsam, jetzt ging ganz schnell ganz viel. Ich denke, dass vieles, was wir schnell eingeführt haben und jetzt evaluieren, fester Bestandteil des Unterrichts bleiben wird.

Zur Person


Der Pädagoge Sebastian Stoll unterrichtet an der Geschwister-
Scholl-Realschule in Riedlingen im Landkreis Biberach die beiden Fächer Mathematik und Sport.

Auf seiner privaten Website www.180grad-flip.de veröffentlicht der 39-Jährige Unterrichtsmaterial, Erklärvideos und außerdem auch Erfahrungsberichte zur Anwendung der Methode „flipped classroom“.