„Ich kaufe alles mögliche hier ein: Käse, Wurst, Pudding – sogar veganes Hundefutter“, sagt Uwe Jantke, „Kichererbsen“-Kunde der ersten Stunde. Er trinkt einen Kaffee vor dem Laden in der Möhringer Straße nahe der Matthäuskirche in Stuttgart-Süd, die Sonne scheint ihm ins Gesicht. Für Kunden wie ihn hat die „Kichererbse“ einen wichtigen Vorteil: Sie können sich voll auf die Produktauswahl verlassen, die die Inhaberinnen treffen. Die Lektüre des Kleingedruckten auf der Verpackung entfällt. Denn auf den Bestellschein der Chefinnen kommen ausschließlich vegane Inhaltsstoffe.

Die 33-jährige Helga Fink und die 34-jährige Nora Hoffrichter haben die „Kichererbse“ vor dreieinhalb Jahren aus der Taufe gehoben. Vorher arbeiteten sie im sozialen Bereich, Erfahrung im Handel hatten sie nicht. Über ein Online-Immobilienportal kamen die selbst aus Überzeugung vegan lebenden Frauen an das Ladengeschäft. Schnell war klar, dass sie eine vielversprechende Nische gefunden hatten. „Wir haben die Eröffnung auf Facebook angekündigt und hatten über Nacht 500 Likes“, so Helga Fink. „Ich glaube, wir haben den perfekten Zeitpunkt erwischt“, sagt sie.

Auf der 34 Quadratmeter kleinen Verkaufsfläche stehen alle Produkte dicht an dicht. Die größte Kundengruppe, sagt Helga Fink, seien bewusst lebende Menschen, die regional einkaufen wollten. „Das sind Leute, die großen Konzernen misstrauen, selbst, wenn sie vegane Angebote im Sortiment haben“, sagt Fink. Für ihre veganen Leckereien greifen sie tief in die Tasche: 100 Gramm des biofermentierten „Happy Cheeze“ kosten 7,99 Euro, 50 Gramm Paprika-Käse-Cracker 3,80 Euro, und für die vegane Kinderzahnbürste legen Eltern 3,40 Euro auf die Theke.

Laut der Tierschutzorganisation „Peta“ ist Stuttgart auf dem Weg zur Veganer-Hochburg. Für Veganer gibt es demnach immer mehr Angebote. Darunter auch den Laden von Mirko Krautter und Markus Beck in der Fürstenstraße in Stuttgart-Mitte. Mit „Greenality – Organic Clothing“ zeigen sie seit März vergangenen Jahres, dass Kleidung auch ohne Tierprodukte stylish sein kann. Im Angebot sind Labels, die entweder ausschließlich oder teilweise vegan produzieren. Dazu gehören Marken wie „Goodsociety“: Die kalifornische Firma  verzichtet auf das obligatorische Lederpatch am Saum der Jeans, verwendet ausschließlich nach internationalen Standards zertifizierte Biobaumwolle und greift für Etiketten und Knöpfe auf recycelte Materialien zurück.

 „Wir haben wenig Laufkundschaft, die Kunden kommen bewusst zu uns“, sagt Mitarbeiterin Jana. Der Zuspruch sei groß, im August eröffne man in Hannover einen zweiten Laden. Teuer sind vegane Sneaker nicht unbedingt. Für einen Schuh von „Ethletic“, einem gängigen Basketballschuh nachempfunden, berappen Kunden 70, für eine Jeans von „Goodsociety“ 150 Euro.

Wer sich bewusst ernähren will, aber wenig Zeit hat, dürfte im „Xond“ auf seine Kosten kommen. „Veganes Fastfood“ propagiert das direkt an der Hauptstätter Straße unweit der Leonhardskirche gelegene Restaurant nämlich seit Mai. Betreiber ist Andreas Läsker, Manager der Fantastischen Vier. „Wir möchten jedem – ob Veganer oder Nicht-Veganer – schnelles und gesundes Fastfood anbieten“, erklärt Pressesprecherin Pia Thomé das „Xond“-Konzept.

Besonders beliebt seien die veganen Burger. „Alles, was Sie bei uns bekommen, ist nach eigener Rezeptur entstanden“, so Thomé. Das gelte vor allem für die Burgerpattys, also den Belag der Burger. Geschmacksverstärker und künstliche Zusätze seien tabu, frische Zutaten selbstverständlich. „Unser Rote-Beete-Patty besteht eben auch aus Roter Beete“, sagt die Pressesprecherin. Neben Burgern stehen „Xondwiches“ auf der Speisekarte (das „Classic“ mit gebratenem Räuchertofu kostet 6,90 Euro), heißluftfrittierte „Bio Air Pommes“, ein „Powersalat“, Chili sin Carne und „Dattler“, die süße Blätterteigtasche mit Datteln, Haselnüssen und Cranberries (3,90 Euro).

Das vegane Fast Food scheint nicht nur Veganern zu schmecken. „Wir haben festgestellt, dass viele Kunden gar keine Veganer sind“, sagt Pia Thomé. Ein Wunder sei das nicht, denn gutes, frisches Essen möge schließlich jeder. Mit der Resonanz zeigt sich das „Xond“ zufrieden, auch wenn es keine Umsatzzahlen veröffentlicht. „Es läuft gut, wir planen weitere Filialen“, so Thomé.

Friseur schwört auf vegane Haarprodukte

Vielfalt Die Tierrechtsorganisation „Peta“ veröffentlicht jedes Jahr eine Rangliste der veganerfreundlichsten deutschen Städte. Stuttgart führt die Liste 2016 in der Kategorie der Städte zwischen einer halben und einer Million Einwohner an. Die Organisation berücksichtigt nicht nur die Anzahl der veganen Angebote, sondern auch deren Vielfalt.

Treffpunkt Lokale zu finden, um vegan zu essen, ist Stuttgartern mittlerweile ein Leichtes. Neben dem „Xond“ gibt es das „Körle und Adam“ für vegane Gerichte aus saisonalen Bioprodukten (Feuerbacher-Tal-Straße 1), das „Dilgelay“ (hier findet auch ein veganer Stammtisch statt), oder das „Café Miss Milla“ für vegane Torten. Vegane Lebensmittel bietet neben der „Kirchererbse“ das „Talea goes vegan“ im Kaufhaus „Gerber“, ein hipper Treffpunkt zum Brunchen ist das „Super Jami“ in der Heusteigstraße. In der Stadt gibt es auch einen Friseur, der auf vegane Pflegeprodukte schwört: Die „Haarschneidemeisterei“ in der Kapfenburgstraße von Feuerbach. tjb