Reformation  Bibel misst 1517 Meter

Stuttgart / Rainer Lang 01.11.2017

Schon früh am Morgen hatten sich Annette und Theo Gärtner am Reformationstag mit ihren vier Kindern von Pfalzgrafenweiler im Schwarzwald auf den Weg nach Stuttgart gemacht. Sie wollten den Festgottesdienst der Evangelischen Landeskirchen in Baden und Württemberg in der Stuttgarter Stiftskirche zur Erinnerung an den Beginn der Reformation vor 500 Jahren miterleben. „Wir hatten vorher nur die Befürchtung, dass die Kinder nicht so lange stillhalten“, erzählte der 47-jährige Theo Gärtner, dessen Frau Mitglied im Kirchengemeinderat ist.

Aber den Kindern zwischen 7 und 14 wurde es nicht langweilig. Sie fanden es richtig aufregend, als Ministerpräsident Winfried Kretschmann unweit neben Landtagspräsidentin Muhterem Aras (beide Grüne) und Stuttgarts Erstem Bürgermeister Michael Föll (CDU) Platz nahm.  Und am Ende des Gottesdienstes in der mit rund 1000 Besuchern vollbesetzten Kirche konnten auch sie verfolgen, wie der Katholik Kretschmann zum Abendmahl ging. Er setzte sich darüber hinweg, dass die katholische Kirche bislang die Abendmahlsgemeinschaft ablehnt. Die Landtagspräsidentin tat es als Alevitin dem Regierungschef gleich.

Zuvor hatten die beiden evangelischen Bischöfe, Jochen Cornelius-Bundschuh aus Baden und Frank Otfried July aus Württemberg, über Freiheit und Verantwortung gepredigt. Cornelius-Bundschuh sagte, wer Gott fürchte, müsse vor Menschen keine Angst haben. Er zeigte Verständnis für die Sorgen der Menschen vor Krankheit, Alter, Terrorismus und Klimawandel, rief aber dazu auf, vernünftig damit umzugehen: „Sie sind nicht gottgegeben.“ July lobte, dass in der baden-württembergischen Landesverfassung in Artikel 12 der Geist der christlichen Nächstenliebe erwähnt sei. Wenn manche darin auch ein Problem sehen, erkennt July darin „eine Lösung für viele Probleme im Umgang miteinander, besonders auch im öffentlichen Raum“.

Schulterschluss im Schloss

Während die Gärtners sich nach dem Gottesdienst auf dem Weg ins nahegelegene Bibelmuseum machten, strömten die Ehrengäste zum Empfang der Landesregierung im Neuen Schloss, wo Kirche und Staat den Schulterschluss übten. Kretschmann würdigte die Impulse der  Reformation für die freiheitliche moderne Gesellschaft. Der Katholik mahnte zur Einheit. „Unsere säkulare Gesellschaft braucht ein Christentum, das mit einer Stimme spricht und vereint handelt“, sagte Kretschmann und fügte hinzu: „Ich rufe meiner Kirche zu, keine Angst vor der Reformation zu haben, und der evangelischen Kirche, dass sie die Reformation nicht schon hinter sich hat.“

Als im Neuen Schloss noch gefeiert wurde, gab es in Bad Cannstatt eine spektakuläre Aktion: die Entfaltung der weltweit einmaligen Wiedmann-Bilderbibel. In 16 Jahren hatte der Cannstatter Künstler Willy Wiedmann die aus 3333 Bildern bestehende und – passend zum Reformationsjubiläum – 1517 Meter lange Bibel geschaffen. „Das ist der totale Wahnsinn“, kommentierte Stadtkirchenpfarrer Florian Link den Trubel. Rund 650 freiwillige Helfer hatten sich gemeldet, die sich nun pünktlich um zwölf Uhr in einer langen Reihe von der Cannstatter Stadtkirche bis ans Ende der Marktstraße aufstellten. Besucherin Christa Tröger war extra aus Frankfurt angereist. „Ich finde das eine ganz tolle Sache.“

In ganz Stuttgart wurde gefeiert. Einen regelrechten Besucheransturm erlebte etwa auch die evangelische Kirchengemeinde in Rohracker. In der kleinen Kirche drängten sich 250 Leute, um ein Theaterstück über Luther zu sehen. „Da waren Leute in der Kirche, die man sonst nie sieht“, freute sich Kirchengemeinderat Kurt Böpple.

Die Teenager Patricia und Lena von der neuapostolischen Kirche wollten hingegen unbedingt am Abschluss der „ChurchNight“  teilnehmen,  die Jugendliche seit zehn Jahren als Alternative zu Halloween feiern. 330 junge Leute hatten sich zum Abend im Gloria-Kino  angemeldet. Landesweit nahmen an der Aktion nach Angaben des Evangelischen Jugendwerks in Württemberg rund 100 000 junge Menschen an 800 Veranstaltungsorten teil.

Die Ökumene stand auch am Ende des Tages im Blickpunkt. Landesbischof July und der katholische Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, luden zum gemeinsamen Gottesdienst in die Stiftskirche. Fürst betonte, dass Luthers reformatorisches Anliegen inzwischen in das katholische Glaubensbuch eingegangen sei. Ihre Gemeinsamkeit bekräftigten auch der evangelische und der katholische Stadtdekan, Soren Schwesig und Christian Hermes, bei einer meditativen Schlussfeier im Hof des Alten Schlosses Stuttgart am späten Abend.

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Knapp ein Viertel der Bürger ist evangelisch

Schwund Nur knapp ein Viertel der Stuttgarter ist dem Statistischen Amt zufolge evangelisch. 149 500 Einwohner gehören der württembergischen evangelischen Landeskirche an. Das sind knapp 30 000 weniger als vor 15 Jahren, obwohl seitdem die Einwohnerzahl um über 55 000 gestiegen ist.

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