Stuttgart Aus der Schmuddelecke geholt

Der Buchladen "Erlkönig" ist das Lebenswerk von Thomas Ott.
Der Buchladen "Erlkönig" ist das Lebenswerk von Thomas Ott. © Foto: Claudia Salden
Stuttgart / CLAUDIA SALDEN 18.11.2015
Solch ein Geschäft hat deutschlandweit Seltenheitswert: Der schwule Buchladen "Erlkönig" bietet 3000 Bücher aller Genres und 1000 DVDs.

"Cooking with the Bears" heißt ein Fotobuch mit Rezepten, das "Bären" beim Kochen in Szene setzt - so nennen sich Schwule mit breitem, behaarten Körper. Den appetitanregenden Schmöker gibt es im "Erlkönig" in der Nesenbachstraße im Zentrum. Zum Sortiment der schwulen Buchhandlung gehören Belletristik, Lyrik, Bildbände, Kinderbücher, Ratgeber, Fachbücher und erotische Literatur mit Bezug zu Homo-, Bi- oder Transsexualität.

"Wir sind eine Fachbuchhandlung, wie es juristische oder christliche Buchläden gibt", sagt Thomas Ott, der den "Erlkönig" 1983 gründete. Damals hatte die Schwulenbewegung in Berlin offene Cafés für Homosexuelle geschaffen. "So etwas wollten wir auch in Stuttgart machen." In der Bebelstraße entstand das "Café Jenseits", nebenan eröffnete Ott den Buchladen und schmiss dafür sein Lehramtsstudium. Der Bedarf an homosexueller Literatur war da: "In anderen Geschäften hieß es: So einen Schweinekram bestellen wir nicht." Im "Erlkönig" gab es von Anfang an - neben Ratgebern zum Coming-out und Werken bekannter schwuler Autoren - Zeitgenössisches: "Die 80er und 90er waren zentral für die schwule Literatur und die Emanzipation der Homosexuellen", sagt Ott. "Auch wenn wir heute nicht mehr unterdrückt werden, ist es wichtig, diese Wurzeln zu kennen." Daher hat der 58-Jährige die bedeutendsten Titel vorrätig und besorgt Vergriffenes aus Antiquariaten.

1998 zog der "Erlkönig" ins Zentrum. In den Regalen stehen Bücher einschlägiger Verlage und schwuler und lesbischer Autoren, zudem Werke, in denen Homosexualität eine Rolle spielt. Die Titel zu finden, ist nicht immer leicht. "Man entwickelt einen Riecher, zwischen den Zeilen der Verlagsvorschauen zu lesen", sagt Ott. Ihn ärgert, dass Klappentexte schwule Literatur immer seltener kennzeichnen: "Die Verleger sagen, das sei Verkaufsgift."

So ist der "Erlkönig" Anlaufstelle, wenn die Oma was für ihren schwulen Enkel sucht oder für den Chef, dessen Angestellte sich geoutet hat. Viele Kunden kommen von außerhalb, manche aus dem Ausland. Darunter sind auch Trash-Liebhaber: "Bei uns gibt es den gleichen Mist wie für Nichtschwule, etwa blutige Vampir-Thriller mit schwulen Protagonisten, geschrieben von biederen verheirateten Hausfrauen."

Der Markt ist schwieriger geworden: Man informiert sich eher online, zudem sind viele Szene-Größen an Aids gestorben. "Anfang der 90er gab es in Deutschland sieben schwule Buchläden, heute nur noch zwei." Deshalb setzt Ott aufs Online-Geschäft und will eine Wissensplattform aufbauen - mit Angaben zu 20.000 Büchern, wie sie nur ein Fachmann schreiben kann.

www.buchladen-erlkoenig.de

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