Brauchtum 200 Jahre Volksfest: Aus der Not geboren

Stuttgart / Rainer Lang 02.01.2018
Das Stuttgarter Volksfest feiert in diesem Jahr sein 200-jähriges Bestehen. Dazu gibt es einen historischer Jahrmarkt.

Die Vorbereitungen für das Doppeljubiläum laufen seit Jahren: 2018 werden in Stuttgart 200 Jahre Cannstatter Volksfest und das 100. Landwirtschaftliche Hauptfest gefeiert. Dazu wird ein historisches Volksfest auf dem Schloss­platz aufgebaut. Und der Cannstatter Volksfestverein baut für den Umzug historische Festwagen nach. Schließlich geht es nicht nur um das größte Fest des Landes, sondern auch um das zweitgrößte Volksfest Deutschlands und damit eines der größten weltweit. Wurde anfangs nur an einem Tag gefeiert, sind es heute 17 Tage.

Von Beginn an herrschte ein Riesenandrang. Zum Auftakt kamen 30.000 Besucher, eine beeindruckende Zahl, hatte doch die Oberamtsstadt Cannstatt nur etwa 3.000 Einwohner. Heute strömen mehr als vier Millionen Menschen zum Fest auf den Wasen, der mit Zelten und Fahrgeschäften zur Partymeile geworden ist.

Die Verantwortlichen sehen im Jubiläum die Chance, die Wurzeln des Festes zu beleuchten. Es entstand aus der Not. Eine Klimakatastrophe bescherte Stuttgart nicht nur das Volksfest, sondern auch die Universität Hohenheim, 1818 als landwirtschaftliche Unterrichts-, Versuchs- und Musteranstalt gegründet. Die Fruchtsäule als Wahrzeichen des Volksfests werde heute heute nur noch als Dekoration und nicht als Erntedanksymbol gesehen, bedauert Andreas Kroll, Geschäftsführer der Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart.

Nach dem verheerenden Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien 1815 verdunkelten Staub und Asche auch den Himmel über Süddeutschland. Es gab Missernten und eine Hungersnot. Der Winter 1815/16 war in Württemberg der kälteste seit es Wetteraufzeichnungen gibt. Der folgende Sommer fiel aus. 1816 ging als Jahr ohne Sommer in die Geschichte ein.

Die Kartoffeln verfaulten auf dem Acker. Schneefall bis Mai, Regen, Gewitter und Hagel machten eine Ernte fast unmöglich. Das wenige Mehl wurde mit Sägemehl gestreckt. Damals wurde Wilhelm I. württembergischer König. Seit 1816 regierte er mit seiner Gattin Katharina. Sie verbesserten die Lage der Bauern, modernisierten die Landwirtschaft und bauten ein öffentliches Wohlfahrtswesen auf.

Als die Lage besser wurde, riefen sie ein landwirtschaftliches Fest ins Leben. „Auch wird ein Volksfest damit in Verbindung gesetzt, und dafür gesorgt werden, dass solches durch unterhaltende Abwechslungen diesem frohen Tag entspreche“, hieß es damals im Königlich-Württembergischen Staats- und Regierungsblatt. 1818 fiel der Startschuss: Am 28. September wurde das „Landwirtschaftliche Fest zu Kannstadt“ gefeiert. Auf dem Wasen gab es Pferderennen, Viehvorführungen und Festzüge. 1841, als Stuttgart 40.000 Einwohner hatte, wird von einem Festumzug mit mehr als 10.000 Teilnehmern und über 100.000 Zuschauern berichtet. Er ist in einer Zeichnung dokumentiert. Wilhelm I. regierte damals 25 Jahre. Ihm zu Ehren wurde die Jubiläumssäule auf dem Schloss­platz gestiftet. Den Umzug in seiner heutigen Form gibt es seit 1927.

Die Zahl der Buden wuchs. 1860 ähnelt die Szenerie der heutigen mit Haupt- und Nebenstraßen. Es gab Sensationen wie „die erste und einzige Mannfrau“, Menschenfresser oder ein Krokodil. Auch Buffalo Bill war auf dem Volksfest zu Gast.

1949 das erste Nachkriegsfest

28 Jahre blieben ohne Volksfest, weil es zum Teil nur alle zwei Jahre gefeiert wurde und während der Weltkriege ausfiel. In Trümmern wird 1949 das erste Nachkriegsfest als Herbstfest gefeiert. 1953 wurde wieder eine Fruchtsäule installiert. Ein Jahr später gibt es das 80. Landwirtschaftliche Hauptfest, das heute alle vier Jahre stattfindet mit rund 600 Ausstellern und etwa 200.000 Besuchern.

Die Geschichte soll vom 26. September bis zum 3. Oktober beim Historischen Volksfest auf dem Schlossplatz lebendig werden. In den beiden Alleen am Rand leben die Volksfeste des 19. Jahrhunderts mit Quacksalbern und Flohzirkus und des 20. Jahrhunderts mit historischen Fahrgeschäften auf. Im Festzelt wird Jubiläumsbier ausgeschenkt. 100 Exponate sollen die Geschichte der Landwirtschaft zeigen.

Info www.historisches-volksfest.de

Umzug soll Unesco-Kulturerbe werden

Antrag Der Cannstatter Volksfestverein will endlich den Volksfestumzug in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit der Unesco aufnehmen lassen. Diesen Entschluss hat der Verein nach Angaben des Vorsitzenden Robert Kauderer schon 2011 gefasst.

Voraussetzung Zur Antragstellung sind jedoch zwei wissenschaftliche Gutachten nötig. Bislang liegt für den Umzug nur eines vor. Das zweite ist nun in Sicht. Wenn es fertig ist, kann der Antrag im Oktober eingereicht werden. lan

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