Stuttgart Aufklärung am Ort des Geschehens

Acht junge Peers nehmen in den Discos Kontakt mit den Jugendlichen auf und informieren über die Gefahren von Drogen.
Acht junge Peers nehmen in den Discos Kontakt mit den Jugendlichen auf und informieren über die Gefahren von Drogen. © Foto: Foto:dpa
Stuttgart / TILMAN BAUR 27.06.2016
Die Suchtberater des Drogenpräventionsprojekts gehen auf die Partys und in die Clubs. Nach einem halben Jahr zieht  „Release“ eine positive Bilanz.

Ulrich Binder vom Drogenhilfe-Verein „Release“ ist stolz auf die Bilanz: Bei 17 Einsätzen auf elektronischen Musikveranstaltungen haben die sogenannten „Peers“, also junge Suchtberater, 4100 Kontakte geknüpft und 770 Beratungen absolviert. Ein Kontakt, so Binder, sei dabei jede Person, die vom Angebot des Projekts Gebrauch gemacht habe, etwa eine Info-Broschüre akzeptiert habe. Eine Beratung hingegen sei ein tiefer gehendes Gespräch.

„Take“ ist ein niederschwelliges Angebot an Partygänger des Stuttgarter Nachtlebens. Das Besondere daran: Die Suchtberater kommen in die Klubs und auf die Partys. Sie warten nicht, bis Suchtgefährdete eine Beratung aufsuchen, sondern richten sich mit Infoständen und „Chillout-Zonen“ dort ein, wo sich das Party-Publikum aufhält. Ihr Beratungsarsenal umfasst kleine Broschüren zu verschiedenen Drogen (so etwa über das unter dem Namen „Liquid Ecstasy“ bekannte GHB/GBL) oder eine ironisch gemeinte „Anleitung zum Süchtigwerden“, die für Suchtgefährdete typische Verhaltensweisen auflistet.

 „Was ist Sucht überhaupt?“ Mit solchen Fragen aus der Praxis sei das Beraterteam oft konfrontiert, erzählt Philipp Weber, der das Projekt mitverantwortet. Manche wollten etwa wissen, welche Nebenwirkungen Ecstasy habe. Andere fragen sich, woran sie erkennen können, dass ihr Lehrling ein Suchtproblem habe. Wichtig, so Weber, sei vor allem, dass man mit Menschen in Kontakt komme, die man auf dem herkömmlichen Weg nicht erreiche. Das sei gelungen und gelte für 75 Prozent der von „Take“ geknüpften Kontakte. Das Beratungsverhalten auf den Partys selbst erfolge bewusst passiv: Die Partygäste kommen auf die Berater zu, nicht umgekehrt.

„Wir sind sehr froh, so engagierte Peers gefunden zu haben“, sagt Ulrich Binder über die anwesenden Berater. Der bisherige Erfolg sei größtenteils auf sie zurückzuführen. „Sie haben einen ganz anderen Zugang zur Zielgruppe, als es ein klassischer Berater hätte“, so Binder. Acht junge Berater habe man bislang geschult, weitere sollen dazukommen.

Zum Team gehört der 23-jährige Robin. „Ich habe mit 14 angefangen, Techno zu hören“, erklärt er. Freunde von ihm nähmen Drogen, so Robin. Er sehe seine Aufgabe darin, andere über Risiken aufzuklären, bevor sie ein problematisches Suchtverhalten entwickelten. Auch seine Kollgein Jule sieht das so. „Rausch gehört heute für viele einfach dazu“, stellt sie fest. Es sei daher umso wichtiger, ein Forum für Menschen zu schaffen, die „gesellschaftsfähig“ konsumieren wollten.

Viele Konsumenten sind aber schlecht darüber informiert, was sie einnehmen. „Es kursiert sehr viel Halbwissen“, sagt Projektmitarbeiterin Saskia. Angebote im Internet befördern die Unsicherheit zusätzlich. Deshalb gehören Info-Blätter zur Ausrüstung der Berater.

 Allerdings bietet die Info nur einen Anhaltspunkt. Denn Produzenten neigten dazu, das Design erfolgreicher Pillen schnell zu kopieren, sagt Binder. Vorsicht ist deshalb immer geboten: „Was in den einzelnen Pillen drin ist, kann niemand mit Sicherheit sagen“, so Binder.

„Take“ läuft zunächst bis 2018. Pro Jahr fallen 125 000 Euro an Kosten an. Zu den Finanziers zählen das Studierendenwerk, die Lechler-Stiftung, das Sozialministerium, die Diakonie und Stiftungen der Landesbank Baden-Württemberg.

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