Stuttgarter Ballett Aufbruch in die Konvention: Premiere im Stuttgarter Ballett

Traumpaar: Elisa Badenes und Adhonay Soares da Silva im „Königreich der Schatten“.
Traumpaar: Elisa Badenes und Adhonay Soares da Silva im „Königreich der Schatten“. © Foto: Stuttgarter Ballett
Stuttgart / Wilhelm Triebold 15.10.2018

Wie setzt man eine Erfolgsstory fort und macht doch alles ganz anders? Ist es vielversprechender, bei dem Bewährten anzusetzen – oder doch lieber unerhörte, ganz eigene Akzente zu setzen? Nein, hier ist nicht von Bayern und einem wie ausgewechselt agierenden Ministerpräsidenten die Rede, sondern vom Ballett und einem neuen Intendanten im Startmodus.

Tamas Detrich, seit anlaufender Spielzeit für die Tanzcompagnie der Stuttgarter Staatstheater verantwortlich, muss den Spagat wagen: einerseits aus dem Schatten des Vorgängers Reid Anderson herauszutreten, anderseits sich in der Komfortzone des Anerkannten, von den Ballettfans weltweit (besonders aber in Stuttgart) Bejubelten einzurichten. Detrichs Jahresprogramm verheißt schon vorweg, „einzigartig“ zu werden (mit Hilfe Jiri Kylians). Oder im „Aufbruch“ begriffen zu sein (mit Bauhaus-Bezug). Oder einfach nur „atem-beraubend“ (dank Tanzguru Akram Khan). Aber das alles erst etwas später.

Gang ins Ballettmuseum

Mit „Shades of White“  stellt sich Detrich  stattdessen betont konventionell und traditionell auf, will sich ästhetisch zuerst einmal ganz auf das klassische Ballett und das neoklassische Echo einlassen. Auf die Arbeitsgrundlage seiner Haustruppe also, wie sie zugleich die schönsten Momente bereit hält – für die Truppe wie fürs Publikum.

So gesehen glückt dieser dreiteilige Abend vollauf. Es ist ein Gang ins Ballettmuseum, um ein paar Preziosen auszustellen und blank zu polieren. Jede dieser Repertoire-Perlen wird, vollkommen zu Recht, mit festgetackertem, jede Anstrengung wegzauberndem Tänzer-Lächeln auf die Opernhaus-Bühne gestemmt. Eine blütenweiße Visitenkarte. Und ein Ausrufezeichen in drei (Kraft-)Akten.

John Crankos „Konzert für Flöte und Harfe“ verbindet mit dem darauf folgenden „Bayadère“-Auszug „Das Königreich der Schatten“ und mit George Balanchines „Sinfonie in C“, dass sie alle drei als technisch äußerst anspruchsvolle Ballets blancs gelten: weiße Träume im Tütü.

Gründervater John Cranko lässt seine – hauptsächlich für die damals gerade unterbeschäftigte Männer-Riege erdachte – Choreografie mit der klassischen Formensprache spielen, mitunter heiter-ironisch, doch immer auch dem heiligen Ernst angemessen. Kaum einer tanzt dabei mal aus der Reihe. Die Herren Kavaliere stehen gern Spalier, während die Solistinnen Alicia Amatriain und Ami Morita herumgereicht werden.

Im Mittelpunkt des Abends steht das Defilée der 24 Bayadèren, die im sogenannten Schatten-Akt als magisches Traumfrau-Trugbild eines opiumberauschten Liebes-Kriegers jedes Schwanensee-Geschwader in den Schatten stellen. Eine der Schlüsselszenen des klassischen Balletts, eine nie endende Arabeske, sauber und akkurat zu tanzen. Dazu das Traumpaar Elisa Badenes und Adhonay Soares da Silva, letzterer ein unglaublich sprunggewaltiger Pagoden- und Pirouettenprinz. Und, im Schlussapplaus gefeiert, die Choreografin dieses Schmuckstücks: Tanzlegende Natalia Makarova höchstselbst.

Ballettkultur aus dem Lehrbuch und aus dem Geiste der klassischen russischen Schule: Am Ende zeigt dieser Spielzeitauftakt, wie Balanchine mit der „Sinfonie in C“ daraus einen Klassiker der Moderne gemacht hat. Kristalline Formen, klare Strukturen, das Maß der Dinge: auch dies anschaulich und ansehnlich umgesetzt in Stuttgart.

Und doch stellt sich an diesem Abend ein leichtes Völlegefühl, ein Grad an Übersättigung ein. Jetzt heißt es die Karte wechseln. Muss ja nicht gleich Hausmannskost sein.

Zweimal  „Ekstase“ im Kunstmuseum

Im November ist das Stuttgarter Ballett auf Japan-Tournee. Danach wird die Compagnie „Shades of White“ diverse Male im Stuttgarter Opernhaus tanzen, davon sieben Mal in der letzten Dezemberwoche sowie am 3. Januar, zwei weitere Vorstellungen folgen erst wieder am 16. und 20. Juli. Dafür gibt’s im Unterschied zu den Oktober-Aufführungen noch Karten. Am 30. November und am 1. Dezember zeigt das Stuttgarter Ballett als Kooperation mit dem Kunstmuseum  in der „Ekstase“-Ausstellung ein partizipatives Tanzprojekt.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel