ÖPNV Auf der eigenen Spur am Stau vorbei

Die Fahrt mit der Buslinie X1 funktioniert problemloser, als viele vermuten. Die Strecke vom Stuttgarter Hauptbahnhof zum Wilhelmsplatz in Bad Cannstatt schafft der „Gepard“ in sieben Minuten.
Die Fahrt mit der Buslinie X1 funktioniert problemloser, als viele vermuten. Die Strecke vom Stuttgarter Hauptbahnhof zum Wilhelmsplatz in Bad Cannstatt schafft der „Gepard“ in sieben Minuten. © Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Von Melissa Seitz 08.11.2018

Am Wilhelmsplatz herrscht Trubel. Menschen rennen hektisch zur Stadtbahnhaltestelle. Es ist Montagmorgen, 7.30 Uhr. Das Wochenende war zu kurz, der Montag kam für viele wohl zu schnell. Einige Fahrgäste huschen völlig verschlafen noch in die Straßenbahn Richtung Stuttgarter Innenstadt. Ein ganz anderes Bild zeigt sich gegenüber, an der Bushaltestelle der neuen Schnellbuslinie X1.

Zwei Busse stehen mit ihrem Auffälligen Gepardenmuster an der Straße. Eigentlich sollte der vordere der beiden schon längst losgefahren sein. Aber es staut sich. Kein Wunder bei dieser Uhrzeit und auf dieser Strecke. Ich entscheide mich für den letzteren und stelle mich vor die verschlossene Tür. Der Busfahrer schaut ungläubig, ganz nach dem Motto: „Da ist ja ein Fahrgast!“

„Der Verkehr ist grausam“

Vier weitere Fahrgäste steigen ein. Unter anderem eine ältere Dame. Sie streift sich den Schal über den Kopf, legt ihn neben sich ab und holt ein Buch heraus. Ein Gespräch zwischen dem Busfahrer und einem anderen Fahrgast verrät mir, warum es sich die Frau so gemütlich macht. „Der Verkehr morgens ist grausam. Die Stoßzeit ist nicht mehr nur um 7 Uhr, inzwischen ist zwischen 7 und 9 Uhr hier nonstop etwas los“, sagt der Fahrer.

In den ersten Wochen sei der Bus komplett leer gefahren, sagt der Busfahrer weiter. Dass jetzt fünf Personen mit ihm fahren, scheint für ihn ein Highlight zu sein. 7.41 Uhr: Das Geparden-Gefährt setzt sich in Bewegung. Der Bildschirm an der Decke zeigt die Haltestellen an. Am Rathaus sollte der X1 in 10 Minuten ankommen. Die zahlreichen roten Bremslichter, die man vor sich sieht, lassen Böses erahnen. Es staut sich mal wieder.

Als der Bus auf der König-Karls-Brücke steht schweift mein Blick auf die Uhr: 7.49 Uhr. Eigentlich sollte der X1 längst den Schwanenplatztunnel hinter sich haben. Die Ampel wird grün, er setzt sich in Bewegung. Die Tachonadel geht jetzt übers Schritttempo hinaus. Kaum zu glauben. Der Verkehr flutscht. Der Schnellbus fährt an der für ihn reservierten Spur an den Autos vorbei, die auf beiden Seiten beim Neckartor im Stau stehen. Auch die Einfädelung in der Verkehr klappt mühelos.

15 statt 10 Minuten Fahrt

Erste Station in Stuttgart: Dorotheenstraße. Keiner steigt aus, keiner steigt ein. Am Rathaus heißt es für mich aussteigen. Zeitpunkt: 7.56 Uhr. 15 Minuten hat der Schnellbus vom Wilhelmsplatz zum Stuttgarter Rathaus gebraucht.

Einen Tag später, Spätnachmittag – es ist 17.30 Uhr. Viele Menschen sind auf dem Heimweg von der Arbeit. Die Bushaltestelle am Wilhelmsplatz ist gut besucht. Sieben Minuten später fährt der „Gepard“ ein. Erstaunlicherweise: proppenvoll. Einen Sitzplatz gibt es kaum noch. Viele müssen stehen. Eine ältere Frau schaut zu ihrer Nebensitzerin herüber „Was ist die nächste Haltestelle?“, fragt sie. Das Mädchen muss in der App nachschauen. Das Angebot ist ziemlich neu, die Fahrgäste haben die Haltestellen noch nicht verinnerlicht.

Nach der Büchsenstraße geht es weiter zum Hauptbahnhof. Um 17.45 Uhr setzt der Bus seine Fahrt in Richtung Wilhelmsplatz fort. Zwei Männer kommen ins Gespräch. „Fährst du oft mit diesem Bus?“, fragt einer. „Nein, eigentlich nie. Nur heute hat es sich angeboten“, antwortet sein Kollege.

Der Verkehr fließt. Schon wieder. Am Stau vorbei geht es nach Bad Cannstatt. Ankunft Wilhelmsplatz: 17.53 Uhr. Gerade mal 8 Minuten zur Stoßzeit. Einer der beiden Männer muss jetzt mit Bus und Bahn noch weiter in Richtung Göppingen. „Ich brauch noch eine Stunde bis daheim“, sagt er. „Da ist es gut, wenn der Bus mal nicht im Stau steht.“

Infokasten
Im Frühjahr wird Bilanz gezogen

Wie gut die Schnellbuslinie bei den Fahrgästen ankommt, kann Birte Schaper, Pressesprecherin der SSB, noch nicht beurteilen. „Wir müssen auf jeden Fall den Winter noch abwarten, um ein Fazit zu ziehen“, sagt sie. Schaper  nimmt an, dass sich dann mehr Fahrgäste in den X1 setzen. „Wenn es kalt wird, fahren immer weniger mit dem Rad oder gehen zur Fuß zur Arbeit. Oder manche haben im Winter einfach keine Lust, die Garage frei zu schippen.“  Im Frühjahr könne man dann mehr zur Nutzung des Busses sagen. sei

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel