Antisemitismus Auch in Stuttgart spüren Juden Feindseligkeit

Erst vor wenigen Wochen wurde der neue Vorplatz der Stuttgarter Synagoge eingeweiht. Im November finden in der Landeshauptstadt wieder die jüdischen Kulturwochen statt.
Erst vor wenigen Wochen wurde der neue Vorplatz der Stuttgarter Synagoge eingeweiht. Im November finden in der Landeshauptstadt wieder die jüdischen Kulturwochen statt. © Foto: Ferdinando Iannone©
Stuttgart / Von Caroline Holowiecki 25.08.2018

Die Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs zählt 3000 Mitglieder, etwa 1900 allein in Stuttgart. Vorstandsvorsitzende Barbara Traub berichtet von einem vielfältigen jüdischen Leben in der Landeshauptstadt. Gerade erst wurde an der Synagoge der neu gestaltete Vorplatz eingeweiht, als sichtbares Zeichen der Öffnung. Immerhin liegt das Glaubens- und Gemeindezentrum mitten in der Stadt, im Hospitalviertel. Außerdem zählt sie vier jüdische Friedhöfe – nur einer wird aktiv belegt –, einen Kindergarten, eine Grundschule und einen Seniorenclub auf. Seit der Zuwanderungswelle Anfang der 90er habe sich die Zahl der Gemeindemitglieder verfünffacht.

Doch der wachsende Antisemitismus macht auch vor Stuttgart nicht Halt, stellt Traub klar. Nach mehreren Vorfällen – unter anderem war ein Israeli mit Kippa, der traditionellen jüdischen Kopfbedeckung, in Berlin attackiert worden – hatte der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, in diesem Frühjahr Einzelpersonen empfohlen, in Großstädten nicht mit Kippa aufzutreten. Für Stuttgart relativiert Barbara Traub: „In Berlin ist die ganze Situation nochmal krasser.“

Im ersten Halbjahr wurden in der Bundeshauptstadt 80 antisemitisch motivierte Straftaten registriert. In Stuttgart spricht die Polizei von 15 Straftaten im Jahr 2016 und neun 2017. In diesem Jahr liege man aktuell unter dem Vorjahresniveau. Laut Barbara Traub trägt die Mehrzahl ihrer Gemeindemitglieder die Kippa ohnehin nur während des Gebets, darüber hinaus müsse jeder selbst entscheiden – bei Kindern jedoch, etwa bei Ausflügen, lasse man die Kippa grundsätzlich weg. „Wir wollen sie dem gar nicht aussetzen.“

Damit meint Barbara Traub neben konkreten Vorfällen auch einen latenten Antisemitismus. „Es ist mehr geworden“, stellt sie fest. Tatsächlich gibt es Objektschäden. Vandalismus an der Ulmer Synagoge, umgeworfene Grabsteine in Hechingen oder zuletzt auf dem Stuttgarter Hoppenlaufriedhof. Was ihr zudem Sorge bereitet, ist das Thema Mobbing. „Schüler werden nicht mehr zum jüdischen Religionsunterricht angemeldet, weil sie Angst haben, gemobbt zu werden.“

Angst solle jedoch keinesfalls die jüdischen Kulturwochen überschatten, die in diesem November zum 15. Mal ausgerichtet werden. „Wir veranstalten sie, weil wir den Bürgern Gelegenheit geben wollen, die jüdische Kultur kennenzulernen und mit Juden ins Gespräch zu kommen. Wir werden uns nicht von der Verunsicherung, die die Betroffenen spüren, abhalten lassen“, betont sie. Schutzvorkehrungen gebe es so oder so, zudem sei man im ständigen Austausch mit Polizei und Landesregierung.

Barbara Traub setzt große Hoffnungen in die Zusammenarbeit mit Michael Blume. Die Landesregierung hat mit ihm seit März einen eigenen Antisemitismusbeauftragten. Der Anstoß zur Einrichtung einer solchen Position war von der jüdischen Gemeinde selbst gekommen. Der Religions- und Politikwissenschaftler ist Ansprechpartner für die Belange jüdischer Gruppen, aber auch für den Landtag, für Kommunen, Kirchen- und Moscheegemeinden sowie Bildungseinrichtungen. Er soll 2019 einen Bericht zum Antisemitismus in Baden-Württemberg vorstellen. Barbara Traub erhofft sich Aufschluss über das Verhältnis von gefühlter und tatsächlicher Bedrohung. Auch über Vorfälle, die bislang nicht erfasst und verfolgt wurden.

Jüdische Kulturwochen im November

Aktionswochen Die Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs veranstaltet in Kooperation mit weiteren Kulturinstitutionen seit 2004 immer im November die jüdischen Kulturwochen in Stuttgart.

Thema Vom 4. bis 18. November lautet das Thema „Aktuelle Herausforderungen für das europäische Judentum. 80 Jahre Pogromnacht – 70 Jahre Israel“. Die offizielle Eröffnung ist am 5. November um 19 Uhr im Rathaus. Zudem sind Führungen, Rundfahrten, Ausstellungen, Symposien, Film, Theater, Musik, Vorträge und mehr geplant. Das Programm inklusive der Teilnahmebedingungen ist online abrufbar: www.irgw.de/kulturwochen car

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