Fürsorge An ihrer Seite bis zum letzten Atemzug

Vanessa Reif (re.) und Marion Fleischmann bieten kranken Katzen und anderen Tieren ein letztes Zuhause.
Vanessa Reif (re.) und Marion Fleischmann bieten kranken Katzen und anderen Tieren ein letztes Zuhause. © Foto: Ferdinando Iannone
Nadja Otterbach 31.07.2018

Als Vanessa Reif ihn sah, war für sie klar: „Den nehme ich mit.“ Flocke, ein weißer Kater, alt, blind, taub und ohne Schwanz, war im Tierheim Heilbronn nahezu chancenlos, vermittelt zu werden. „Er war nicht hübsch und auch nicht nett“, sagt die 34-Jährige, „aber er ließ mich nicht mehr los.“ Sie adoptierte ihn. Man kann sagen, es war der Start in ein neues Leben. Nicht nur für den Kater, der mit Reifs vierköpfiger Familie schöne Momente verbrachte, sondern auch für seine Retterin. Die Kommunikations-Fachwirtin beschloss, alten, kranken Tieren wie Flocke zu helfen, ihnen Lebensfreude zu schenken, sie vor dem Einschläfern oder langen Tierheimaufenthalten zu bewahren. Gemeinsam mit Freundin Marion Fleischmann gründete sie vor drei Jahren das Tierhospiz Villa Anima.

Seitdem ist viel passiert. In Backnang, in einem 250 Quadratmeter großen Einfamilienhaus, beherbergt Vanessa Reif 13 Katzen. Auf der Koppel hinterm Garten stehen vier Pferde, daneben haben Hühner und Enten ihren Platz. Flocke lebt nicht mehr. Während die junge Frau seine Geschichte erzählt, zeigt sie auf ein Foto, das sie auf eine kleine Leinwand drucken ließ.

Das Bild hängt an der Erinnerungswand, gemeinsam mit vielen weiteren Katzenporträts. 30 von ihnen haben Reif und Fleischmann seit Eröffnung des Hospizes bis zum letzten Atemzug begleitet, manchen 24 Stunden die Pfote gehalten. Sie heißen Elfriede, Pepe, Sammy oder Kimba. Und mit jedem Tier verbindet die Frauen eine besondere Geschichte. Manche dauerte nur ein paar Tage, andere mehrere Monate. Wilde Katzen sind darunter, die im Alter draußen nicht mehr alleine überleben konnten, kranke Katzen mit Schrumpfnieren, verkrüppelten Beinen, Arthrose. „Die meisten hätte man normaler­weise ziemlich schnell eingeschläfert“, weiß Reif, deren Ziel es ist, die Katzen natürlich sterben zu lassen, allerdings nicht um jeden Preis. „Klar rufen wir den Tierarzt, wenn wir merken, dass ein Tier Hilfe braucht oder Schmerzen hat. Wir schauen genau hin und entscheiden intuitiv.“

Die Katzen sind ins Familienleben integriert, können sich frei im Haus bewegen. Im Dachgeschoss sitzen die Neuzugänge, die oft scheu sind, etwa Florentine, die schon 20 Jahre auf dem Katzenbuckel hat und es genießt, wenn im CD-Player Entspannungsmusik läuft. Oder Boomer, 18, dessen Halter ohne ihn umgezogen sind. Polly, ein ehemaliger Bauernhofkater, liegt auf der Treppe, ein Artgenosse hat sich aufs Sofa gekuschelt, lässt sich von Reifs Töchtern streicheln.

Im Wintergarten versteckt

Die Neueste im Bunde, Katie, lässt sich nicht blicken. Sie hat sich im Wintergarten versteckt, in dem Kletter- und Kratzbäume stehen, Katzenkörbe und ein Sofa, das über eine Treppe auch für die Samtpfoten erreichbar ist, die  keine großen Sprünge mehr machen können. „Aber gefressen hat sie“, freut sich Reif und trägt einen leeren Napf in die Küche.

Für die berufstätige, zweifache Mutter ist die Arbeit im Tierhospiz ein Kraftakt. Sie hat einen Teilzeitjob und ist mindestens vier Stunden am Tag mit ihren Schützlingen beschäftigt. Urlaub kann sie selten machen, und wenn eine demente Katze zum fünften Mal hintereinander in ihr Körbchen pinkelt, komme sie an ihre Grenzen, sagt sie. Trotzdem: Das Glücksgefühl überwiege.

Dass durchschnittlich einmal im Monat ein Tier stirbt in der Villa Anima, daran habe sich die  Familie gewöhnt. „Für mich gehört der Tod zum Leben – wie die Geburt“, sagt Reif. Sie glaubt, dass ihre Tiere, wenn sie sterben, in eine neue Welt geboren werden. Oft ist sie an ihrer Seite, wenn der Moment gekommen ist.

Toffy starb vor wenigen Tagen. Vier Monate hatte der Hahn bei Vanessa Reif gelebt. Sie wird ihn nicht vergessen. Sein Bild ist gedruckt. Die Erinnerungswand bekommt ein neues Gesicht.

Infokasten
Helfer sind willkommen

Das Tierhospiz Villa Anima ist ein eingetragener Verein, der sich durch Spenden und Patenschaften finanziert. Besucher und Helfer sind willkommen, sollten sich jedoch anmelden.

Die Einrichtung arbeitet mit regionalen Tierheimen zusammen, private Abgabetiere werden in Ausnahmefällen aufgenommen. Im Durchschnitt wird jeden Monat ein Platz frei.

Infos auf www.villa-anima.de nad

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