Gastronomie Abschied mit „ein bissle Wehmut“

Mit ihren Maultaschen nach geheimem Rezept haben sich Waltraud und Josef Stritzelberger viele Freunde geschaffen, nicht nur auf dem Stuttgarter Weindorf.
Mit ihren Maultaschen nach geheimem Rezept haben sich Waltraud und Josef Stritzelberger viele Freunde geschaffen, nicht nur auf dem Stuttgarter Weindorf. © Foto: Ferdinando Iannone
Stuttgart / Rainer Lang 08.09.2018

Er gehört zu den Mitbegründern des Stuttgarter Weindorfs. Jetzt verabschiedet sich Josef Stritzelberger in den Ruhestand. Im Alter von 71 Jahren hält dies das Gastronomen-Urgestein für angemessen. Von Müdigkeit ist bei ihm jedoch nichts zu spüren. Wie immer krempelte der Hasenwirt aus Uhlbach die Ärmel hoch und war in der Laube auf dem Schillerplatz in den vergangenen Wochen Mädchen für alles.

Er steht in der Küche, serviert und hat viel zu erzählen. Ohne das Weindorf wäre sein Leben sicherlich anders verlaufen. Hier hat er  seine Frau Waltraud kennen gelernt. Die beiden sorgten für das erste Weindorf-Baby. Die heute 31 Jahre alte Katharina bekam damals gleich acht Ehrenpaten. Ihre 68 Jahre alte Mutter nimmt gerne Abschied vom Weindorf, weil sie künftig mehr Zeit für die Familie hat. Ihr Mann räumt dagegen ein, dass er „ein bissle Wehmut“ verspürt. Aber als Ehrenmitglieder des veranstaltenden Vereins „Pro Stuttgart“ will das Ehepaar im nächsten Jahr das Weindorf zum ersten Mal als Gäste genießen, freut sich Josef Stritzelberger.

Schon vor zwei Jahren hatte das Ehepaar den „Hasen“ in Uhlbach geschlossen, weil die drei Töchter das Lokal nicht weiterführen wollten. Immerhin sind die legendären Maultaschen Stritzelbergers weiterhin erhältlich. Kundige Weindorfbesucher wissen, dass sie sich beim Hasenwirt mit einem Vorrat an eingeschweißten Maultaschen eindecken können. Wegen der „riesengroßen Nachfrage“ gibt es die Teigtaschen seit diesem Jahr in „Hasenwirts Maultascherei“ in Uhlbach. Diese führt Stritzelbergers Schwiegersohn Franz Sax. An den Koch und Metzger hat der Senior die geheime Rezeptur weitergegeben.

Weltweiten Ruhm hat die „Handy- Maultasche“ erlangt, die aus einer Papiertüte gegessen wird. Stritzelberger erinnert sich gut daran, dass sie als Zufallsprodukt in Hamburg entstanden ist. Als der Wirt dort dem ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton die Spezialität anbot, „hat er mir die Maultasche aus der Hand gegessen“, lacht er.

Von seinen Maultaschen habe er Tausende überzeugt, freut sich der Gastronom, der auch schon von Papst Franziskus ein Dankschreiben erhalten hat. Angebote aus aller Welt habe er bekommen, erzählt Stritzelberger. Aber das Ausland hat den Gastwirt nie gereizt.

Als junger Wirt hat er sich lieber beim Weindorf engagiert. „Da war viel Herzblut dabei“, betont Stritzelberger. Insgesamt hat er 66 Weindörfer auf- und abgebaut, allein 42 Mal in Stuttgart und 20 Mal in Hamburg. Und selbstverständlich hat immer die ganze Familie mitgearbeitet. In diesem Jahr hilft Tochter Katharina aus. Besonders freut Stritzelberger, dass auch die Enkelkinder Franziska und Johannes dabei sind.

„Angefangen haben wir auf die einfachste Art“, erzählt der Weindorfwirt. Es gab Zwiebelkuchen und Kartoffelpuffer, und in den Stand hat es hereingeregnet. Niemand habe erwartet, dass sich das Weindorf zu einem der hochwertigsten Feste im Land entwickeln würde, sagt Stritzelberger. „Jedes Jahr haben wir die Qualität gesteigert“, ergänzt er. Heute würden Top-Gerichte auf Tellern serviert.

Qualität ist das Credo des Wirts. Nicht nur Maultaschen, sondern auch Spätzle, Soßen und Kartoffelsalat sind bei ihm hausgemacht. Und das Wild hat der Jäger selbst erlegt. Gehobene schwäbische Küche wussten auch die Gäste des Restaurants „Zum Hasenwirt“ in Uhlbach zu schätzen. Dort ging die Prominenz aus und ein.

Bauernsohn von der Ostalb

Udo Jürgens bekam hier seine geliebten Kutteln. Der frühere Mercedes-Chef Werner Niefer zählte zu den Stammgästen. Lang ist die Liste prominenter Gäste, wozu die „Scorpions“ genauso zählten wie der verstorbene Hitparaden-Moderator Dieter Thomas Heck, Fußballer Jürgen Klinsmann und Weltenbummler Hardy Krüger.

Den Umgang mit Prominenten war der Bauernsohn von der Ostalb längst gewohnt. Auf dem Fernsehturm in Stuttgart ist er in die Lehre gegangen, zehn Jahre hat er die Küche bei den Festspielen in Bayreuth geleitet, dann auf dem Killesberg gekocht, wo er Stars wie die „Bee Gees“ und die „Rolling Stones“ bewirtete. Nach elf Jahren im Schützenhaus in Münster übernahm er 1987 den „Hasen“ in Uhlbach. Doch ganz lassen kann die Stuttgarter Gastronomen-Legende das Arbeiten nicht. Bei zwei großen Messen in Cannes und in München wird er noch ein letztes Mal die Handy-Maultasche ausgeben.

Planungen für 2019 laufen schon

Rundum zufrieden zeigt sich der Veranstalter Pro Stuttgart mit dem 42. Stuttgarter Weindorf. Vor allem die Vorbereitungen gestalteten sich dieses Jahr entspannter: „Wir haben früher angefangen, die Lauben aufzubauen“, erklärt Manfred Strauß, Vorsitzender des Vereins Pro Stuttgart.

Zu großen Zwischenfällen kam es während des Festes nicht – auch weil mehr Sicherheitskräfte präsent waren, betont Pro-Stuttgart-Geschäftsführerin Bärbel Mohrmann.

„Wie viele Besucher das Weindorf nach Stuttgart zog, ist schwer zu sagen“, sagt Mohrmann. Weniger als eine Millionen seien es aber sicherlich nicht.

„Vor dem Weindorf ist nach dem Weindorf“, sagt Werner Koch, Co-Vorsitzender von Pro Stuttgart. Die Planungen für 2019 laufen. Auch die Laube der Jungwinzer soll es wieder geben. sei

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