Berufe „Wildtiere zeigen selten Symptome“

Im Gehege der Ameisenbären muss Tobias Knauf-Witzens die Behandlung ruhig aber schnell über die Bühne bringen, bevor die leicht verletzte Colada nervös wird und ihre scharfen Krallen einsetzt.  
Im Gehege der Ameisenbären muss Tobias Knauf-Witzens die Behandlung ruhig aber schnell über die Bühne bringen, bevor die leicht verletzte Colada nervös wird und ihre scharfen Krallen einsetzt.   © Foto: Ferdinando Iannone
Stuttgart / Von Nadja Otterbach 03.08.2018

Es ist noch früh am Morgen. Soeben hat die Wihelma ihre Tore für Besucher geöffnet. Tobias Knauf-Witzens steckt schon mitten im Arbeitstag. Die hellbraune Uniform des Zoo-Tierarztes erinnert an die von Safari-Guides, er trägt eine Stirnlampe und schwarze Stiefel. Seinen Rundgang mit dem Direktor und den Kuratoren hat er beendet, nun steht er vor der ersten Patientin.

Elefantenkuh Pama hat gerade eine Dusche genommen. Ihr Problem: chronische Fußbeschwerden. Eine Zehenfistel hat sich gebildet, „altersbedingt“, sagt ihr Pfleger. Pama gehorcht ihm aufs Wort. Winkelt das rechte Hinterbein an und legt es auf einem Hocker ab, sodass der Tierarzt Gewebe entfernen und das ganze durchspülen kann. „Gut gemacht“, lobt er die 54 Jahre alte Dame, tätschelt ihr den Rüssel und wirft ihr Äpfel ins Maul.

Die wichtigste Lektion, die Knauf-Witzens in seiner beruflichen Laufbahn gelernt hat: Der Zoo-Tierarzt kommt immer zu spät. „Wildtiere zeigen selten Symptome“, sagt er. Denn in freier Wildbahn würden sie sonst gefressen oder stiegen im Rang ab. Deshalb, das wird der 45-Jährige im Laufe des Tages mehrfach wiederholen, seien die Pfleger seine wichtigsten Ansprechpartner. Sie kennen ihre Schützlinge genau, nehmen kleinste Veränderungen wahr.

Knauf-Witzens ist der leitende Tierarzt in der Wilhelma – auf seinen Schultern lastet eine große Verantwortung. Er ist für 11 000 potenzielle Patienten zuständig, 1200 Arten leben im Zoo. Diese Erkenntnis habe ihm, als er 2010 seine Stelle antrat, manche schlaflose Nacht beschert, sagt er. Die Aufgaben teilt er sich mit der Tierärztin Carina Spahr. Auch Wochenend- und Bereitschaftsdienste. „Mein Hauptjob ist, zu gucken, dass alle Tiere gesund sind und bleiben.“ Wenig romantisch heißt das: Bestandsmanagement. 80 Prozent seiner Arbeit finden nicht im Gehege statt, sondern am Schreibtisch. Dabei sind für Knauf-Witzens die besten Tage die, die er mit den Tieren verbringen kann. Hat er einen Lieblingspatienten? Er lacht – das tut er oft: „Das kann ich mir nicht erlauben.“ Der Veterinärmediziner kennt sich mit der Anatomie eines Aals genauso aus wie mit der eines Zebras. Bleiben Fragen offen, tauscht er sich mit Fach-Tierärzten aus – europaweit.

In der Kranken- und Quarantänestation bereiten seine Kollegen Medikamente vor. Angegliedert ist hier auch ein Labor, in dem Kot- und Blutproben schnell untersucht werden können. Das Team verteilt Aufgaben. Schon ist Knauf-Witzens wieder unterwegs. „Hallo Mäusle“, begrüßt er Alpakamädchen Sandra wenig später und sieht ihr tief in die Augen. Die sind gereizt, weil ihr beim Fressen immer wieder Strohhalme in die Quere kommen. Die Tropfen lässt sie sich anstandslos geben. Der Tierarzt streichelt ihren Lockenkopf.

Nächste Station: das Ameisenbären-Gehege. Colada hat eine Schrunde auf der Stirn, die ihrer Pflegerin Sorgen macht. „Vermutlich hat sie nachts in der Erde gewühlt, um Insekten aufzustöbern.“

Hier muss es schnell gehen. Knauf-Witzens muss das Gehege verlassen, bevor Colada nervös wird und ihre scharfen Krallen einsetzt. Der Doktor strahlt Ruhe aus. Man sieht ihm an, dass er für seinen Beruf brennt. „Mein Herz hängt an den Exoten“, sagt er. Jeden Tag dasselbe tun? Nichts für ihn. Er liebe das Ins-kalte-Wasser-Springen.

Manche Schützlinge spucken

Dass er nicht immer ein gern gesehener Gast ist, auch mal angespuckt oder von den Affen mit Fäkalien beworfen wird, versteht sich von selbst. Um die Tiere möglichst selten narkotisieren zu müssen, werden einige Zoo-Bewohner trainiert. So sollen sie die Angst vor den Untersuchungen verlieren, freiwillig ans Gitter kommen, ruhig stehen bleiben, so wie Elefantendame Pama.

Knauf-Witzens geht zurück ins Büro, sagt, dass er sich auf den nächsten Tag freue. Der „Elefanten-TÜV“ steht an. Röntgen, Blutabnahme, das ganze Programm. Pama kennt den Mann gut. Und solange er Äpfel dabei hat, hat er von der 3,8 Tonnen schweren Dame nichts zu befürchten.

Infokasten
Doktorarbeit über Bären

Tobias Knauf-Witzens ist seit 2010 Leitender Fachtierarzt für Zoo- und Wildtiere in der Wilhelma. Aufgewachsen ist er in Lahr im Schwarzwald. Er studierte in Hannover Tiermedizin und schrieb in Berlin seine Doktorarbeit über Bärenreproduktion. Bevor er nach Stuttgart kam, arbeitete Knauf-Witzens im Tierpark Hagenbeck in Hamburg und in einer Praxis in Mecklenburg-Vorpommern. Berufserfahrung sammelte er auch in Nigeria, wo er für eine Primatenauffangstation tätig war. Der 45-Jährige hat drei Kinder. Die Familie lebt in Feuerbach.

In einer Serie stellen wir während der Sommerferien einige Mitarbeiter der Wilhelma vor: Heute den leitenden Tierarzt Tobias Knauf-Witzens. nad

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