Stuttgart "Vom Handeln zum Wissen zu noch mehr Handeln"

Die Stuttgarter Professorin Antje Stokman.
Die Stuttgarter Professorin Antje Stokman. © Foto: Institut für Landschaftsplanung und Ökologie
Stuttgart / TOBIAS KNAACK 02.04.2016
Wie soll die Mobilität im Raum Stuttgart künftig aussehen? Das wollen Wissenschaftler der Uni gemeinsam mit Bürgern erforschen: im Future-City-Lab.

Karawane der Zukunftsmobilität - so beschreibt die Universität Stuttgart den Aktionstag am Sonntag, mit dem das "Future-City-Lab - Reallabor für nachhaltige Mobilitätskultur" in seine Experimentierphase geht. Um 11.30 Uhr starten von der Messe aus drei "Züge" mit verschiedenen Fortbewegungsmitteln in Richtung Innenstadt. Die Aktion soll ein weithin sichtbares Signal für den Auftakt der Experimentierphase sein. Wir haben mit Projektleiterin, der Professorin Antje Stokman, gesprochen.

Frau Professorin Stokman, morgen startet das "Reallabor für nachhaltige Mobilitätskultur" in seine Experimentierphase. Wie lang war der Weg dorthin?

ANTJE STOKMAN: Die Grundidee zu den Reallaboren kam vom Wissenschaftsministerium. Die Fragestellung lautete in etwa: "Wie müsste man forschen, damit Menschen selber mitforschen?" Es ging darum, dass wir nicht über Bürger und ihre Verhaltensweisen forschen, sondern mit ihnen, um ihre Wünsche und Bedürfnisse besser kennenzulernen. Dazu konnten sich verschiedene Projekte bewerben. Wir haben unseren Schwerpunkt auf die Zukunft der Mobilität im Raum Stuttgart gelegt und als eines von zunächst sieben Reallaboren den Zuschlag erhalten. Bei uns geht es um eine nachhaltige Mobilitätskultur, das ist ja mehr als nur Mobilität, es bedeutet auch Gesundheit zum Beispiel oder Stadtraum.

Der offizielle Auftakt war Anfang 2015. Was ist seither geschehen?

STOKMAN: Für mich war klar, dass wir mit den Akteuren, die es bereits in dem Bereich gibt, sprechen müssen. Es gab ja bereits eine "Szene", also ganz verschiedene Projekte, die sich mit diesem Thema oder einem Teil davon beschäftigt haben. Wir haben viele Gespräche geführt - und die Menschen zusammengeführt bei einem Workshop im vergangenen Mai.

Vernetzung ist ja eines der Ziele. . .

STOKMAN: Wir hatten etwa ein Projekt an der Universität. Wir haben den Studierenden die Aufgabe gegeben: "Überlegt euch ein Realexperiment zu dem Thema". Das war dann wie so ein kleiner Wettbewerb - immer kleine Teams: Studierende haben mit anderen "Experten" aus Zivilgesellschaft und Wissenschaft zum Beispiel zusammengearbeitet.

Können Sie ein Beispiel eines solchen Projektes nennen?

STOKMAN: Ein Projekt hat sich mit einer "Bürgerrikscha" beschäftigt. Die Idee: Senioren, die fit sind, fahren andere, die nicht mehr so mobil sind, durch die Gegend, machen einen Ausflug zusammen. . .

Es geht also nicht nur darum, jemanden von A nach B zu bringen, sondern auch um Gemeinschaft?

STOKMAN: Ja. Und darum, etwas weiterzuentwickeln. Eine syrische Studentin hat in der Gruppe angeregt, das Projekt auf Flüchtlinge auszuweiten, ihnen die Stadt zu zeigen. Jetzt wird eine zweite Rikscha angeschafft. Es geht generell auch darum, dass wir miteinander diskutieren. Ein anderes Projekt etwa stellt die Frage, ob man einzelne Parkplätze temporär umnutzen kann, zurückerobern. Und dann kann man das nach einer Zeit analysieren und besprechen.

Das Projekt läuft zunächst bis 2017. Was sind die Ziele bis dahin?

STOKMAN: Es geht um systematisches Auswerten: Wie ist die Resonanz auf ein Projekt? Wie verändert sich gegebenenfalls das Wohlbefinden der Menschen? Welche Auswirkungen hat es? Es gab ja schon viele Projekte. Wir müssen die aber möglichst auch über das Projekt hinaus vernetzen. Und dann die Frage: Wie können wir Tendenzen verstärken, damit die Gesellschaft eine bestimmte Kultur entwickelt? Wir müssen vom Handeln zum Wissen zu noch mehr Handeln kommen.

Zur Person vom 2. April 2016

Weit gereist Antje Stokman, Jahrgang 1973, leitet das Institut für Landschaftsplanung und Ökologie an der Uni Stuttgart. Zudem verantwortet sie das interdisziplinäre Reallabor zur Mobilitätskultur. Zuvor lehrte sie in Hannover, Hamburg, Berlin, Peking und Shanghai. In München arbeitete sie als Landschaftsarchitektin.

TK

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