Fast alle Kirchenbänke wurden herausgetragen, die Menschen sitzen sich an Tischen gegenüber – die Stuttgarter Leonhardskirche ist nun sieben Wochen lang Vesperkirche. Arme, Alte und Kranke, Menschen mit Drogenproblemen bekommen hier eine warme Mahlzeit. Täglich gingen etwa 750 Essen raus, erklärt Diakoniepfarrerin Gabriele Ehrmann. „Satt werden ist aber nur die eine Dimension“.

Es gibt Handyladestationen, Seelsorger führen Gespräche, Friseure kommen vorbei und Ärzte. Und auch für ein Kulturprogramm sei gesorgt, so Ehrmann. „Wir wollen einen Raum der Geborgenheit schaffen, in dem sich Menschen begegnen können.“ Im Gottesdienst, mit dem die Vesperkirche am Sonntag das 25. Jahr in Folge eröffnet wurde, sagte Prälatin Gabriele Arnold zuvor: „Die Einsamkeit sitzt hier am Tisch.“

In der reichen Stadt, in der die Mieten stetig steigen, sei immer weniger Raum für Menschen mit wenig Geld. Davon erzählt Marek Samek. Der 57-Jährige ist Gartenbauhelfer. Vor mehr als zwanzig Jahren kam er das erste Mal zur Vesperkirche, damals noch arbeitslos. Doch auch mit Mindestlohn reiche es für ihn zum Leben kaum, sagt er. Zwei bis drei Mal die Woche schaue er vorbei und treffe Bekannte – nach all den Jahren kennen viele sich.

15,5 Prozent der Menschen in Baden-Württemberg galten laut Statistischem Bundesamt 2017 als armutsgefährdet. Sie unterschritten den Schwellenwert, der für einen Single-Haushalt bei monatlich 1091 Euro netto lag. „Früher waren hier andere Leute. Viele Drogenabhängige“, erzählt Marek. Heute kommen Migranten, wie auch viele der Helfer berichten. Rentner seien von Anfang an unter den Besuchern gewesen, die hier Gäste genannt werden.

Der Großteil der Kosten wird aus Spenden gedeckt. Rund 250 000 Euro werden nach Angaben der Kirche jedes Jahr benötigt. 850 Ehrenamtliche, dazu 20 Angestellte, stemmen laut Ehrmann die Aktion. Jeden morgen um 9 Uhr öffnet die Leonhardskirche in der Zeit ihre Tore. Nach einer Nacht im Freien legten sich einige ihrer Gäste auf die übrig gebliebenen Bänke vorne in der Kirche, erzählt Helferin Eva-Brigitte Widmann.