Rückblick „König Wilhelm I. war ein Glücksfall für Württemberg“

Stuttgart / Von Hans Georg Frank 21.09.2018

Nach 90 Minuten ist Herzog Michael von Württemberg vollkommen zufrieden. „Sehr authentisch, rundum gelungen“, bewertet er einen Film über die Entstehung des Cannstatter Volksfestes vor 200 Jahren. „Das Jahr ohne Sommer“ heißt das Werk. Der Herzog durfte in der Produktion des SWR eine Erklärrolle übernehmen. „Es ist alles erwähnt, was erwähnenswert ist“, lobt er.

Wilhelm I. hatte die Konsequenzen gezogen aus Missernten, Hungersnöten, aus Armut und Auswanderung. „Er war der König unter den Landwirten und der Landwirt unter den Königen“, weiß der Kenner Gerhard Raff. Damit meint er auch: „Ein anständiger Kerle, ein Glücksfall für Württemberg.“

Strafe Gottes vermutet

Das kleine Königreich war seinerzeit stark betroffen von den Auswirkungen einer Naturkatastrophe. Im fernen Indonesien war 1815 der Vulkan Tambora ausgebrochen, hatte derart viel Material in die Höhe geschleudert und damit große Teile des Erdballs von der Sonne isoliert. Winter mitten im Sommer, monatelanger Regen, Überschwemmungen waren die Folge, die von den unwissenden Württembergern als Strafe Gottes gedeutet wurden.

Der König erkannte die Not der Bauern und seines Volkes. Seine beliebte Frau Katharina spornte ihn an: „Wir werden das Land voranbringen.“ Nach der Hochzeit im noblen St. Petersburg zog sie nach Stuttgart, ein Nest mit 22 000 Einwohnern – vom Pomp an der Newa zur Misere am Nesenbach, die sie mit wohltätigen Einrichtungen beseitigen wollte.

Den zukunftsorientierten Paar ist das Volksfest auf dem Wasen zu verdanken und das Landwirtschaftliche Hauptfest dazu. Das Landvolk sollte sich nicht nur vergnügen, wichtiger waren Erfahrungsaustausch und Belohnungen für besonders gute Tiere. In Hohenheim entstand die Acker­bauschule, die auch Waisen besuchen durften. Die Bedeutung dieses ersten High-Tech-Standorts wird im Film auf einen Pflug reduziert. Tatsächlich sei Hohenheim „das Silicon Valley der Landwirtschaft“ gewesen, darf Jürgen Weisser sagen. Was der Chef des Deutschen Landwirtschaftsmuseums andeutet, bleibt vage. Dabei entwickelte die königliche Ackergerätefabrik rund 800 Modelle, die wegbereitend waren für den Aufschwung in der Landwirtschaft. Prototypen wurden auf Weltausstellungen in London und Paris gezeigt.

In dem dokumentarischen Spielfilm nehmen die Liebesbeziehung des Königspaares und die sexuellen Eskapaden des Monarchen viel Platz ein. Auch die Entwicklung des Rummelplatzes wird bis in die Gegenwart sehr anschaulich vorgeführt. Welche Bedeutung des Landwirtschaftliche Hauptfest heute noch hat, bleibt im Dunkeln. Achterbahn schlägt Ackerbau.

Herzog Michael, der nicht direkt verwandt ist mit König Wilhelm I., empfindet das von Ulrike Stegmann entwickelte Drehbuch dennoch als bestens gelungen: „Die Zuschauer können einen Bezug zum Fest bekommen.“ Auch Museumschef Weisser verzeiht die Abstriche am landwirtschaftlich-technischen Aspekt: „Da muss man großzügig sein.“ Aus dramaturgischen Gründen war das erste Drehbuch um 80 Positionen gekürzt worden.

Sendetermin am Sonntag

Der Film „Das Jahr ohne Sommer“ wird am Sonntag, 23. September, ab 20.15 Uhr im SWR-Fernsehen ausgestrahlt. Außerdem ist er als Begleitprogramm des Historischen Volksfests auf dem Schlossplatz von 26. September bis 3. Oktober im EM-Kino (Bolzstraße 4) zu sehen.

Für die Produktion, die 400 000 Euro kostete, standen 200 Komparsen vor der Kamera. Drehorte waren Freilandmuseum Wackershofen, Gestüt Marbach, Neues Schloss Stuttgart, Universität Hohenheim und Esslinger Altstadt. Die Dokumentation ist angereichert mit Expertengesprächen. hgf

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