Infrastruktur „Jeder muss sich bewegen“

Mahnt Verbesserungen an: Thomas Leipnitz vor der S-Bahn-Haltestelle Rotebühlplatz in Stuttgart-Mitte.
Mahnt Verbesserungen an: Thomas Leipnitz vor der S-Bahn-Haltestelle Rotebühlplatz in Stuttgart-Mitte. © Foto: Raimund Weible
Von Raimund Weible 17.06.2017

Schienenmäßig ist der Kreis Göppingen seit Anfang 2014 in den Verkehrsverbund Stuttgart (VVS) integriert. Fährt aber ein Kunde von Esslingen mit dem Zug nach Geislingen im Kreis Göppingen und möchte mit dem Bus weiterfahren, muss er ein weiteres Ticket lösen. Für den verkehrspolitischen Sprecher der SPD-Fraktion in der Regionalversammlung, Thomas Leipnitz (46), ist das ein Ärgernis. Schließlich gehört der Landkreis Göppingen zum Verband Region Stuttgart. Verkehrs­politisch macht der Landkreis jedoch sein eigenes Ding. Er betreibt seit 2011 einen von 22 Verkehrsverbünden im Land, den Filsland-Mobilitätsverbund.

Die Verschmelzung von Filsland mit dem VVS hat sich die Mehrheit der Regionalräte auf die Fahnen geschrieben. Es laufen inzwischen auch Gespräche zwischen der VVS-Spitze, dem Verband Region Stuttgart, der Landeshauptstadt und den Verbundlandkreisen mit dem Landkreis Göppingen. Doch die Verhandlungen gestalten sich schwierig. Offen blieb bisher, wie die Ko­sten umgelegt und wie die unterschiedlichen Tarife harmonisiert werden können.

Leipnitz, der auch Vorsitzender der SPD-Region Stuttgart ist, fordert, die Bemühungen um die Vollintegration zu  verstärken. „Mein Appell geht an alle Beteiligte“, sagte er im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE, „jeder muss sich jetzt bewegen, damit wir das gemeinsame Ziel erreichen.“ Er erhofft sich vom Anschluss Göppingens auch eine Entlastung der stark frequentierten B 10. Es gelte, mehr Pendler aus dem Raum Göppingen vom Auto in Busse und Bahnen zu bringen, auch, um die Schadstoffbelastung in Stuttgart zu reduzieren. Das sei im Interesse des Landes, das dem Druck der EU und der Gerichte ausgesetzt ist. Deshalb erwartet er auch einen Beitrag des Landes zur VVS-Integration Göppingens.

Zufrieden ist Leipnitz hingegen mit den Bemühungen, die wenigen noch bestehenden Lücken zwischen dem VVS-Gebiet und benachbarten Verkehrsverbünden zu schließen. Eine solche Lücke besteht noch in Gechingen, wo die Verkehrsgesellschaft Bäderkreis Calw an den VVS angrenzt. Oder in Mainhardt, wo der Kreisverkehr Schwäbisch Hall an den VVS stößt. Bei all diesen Lücken müssen die Fahrgäste ein weiteres Ticket lösen, wenn sie mit dem Bus weiterbefördert werden wollen.

Leipnitz: „Das ist extrem kundenunfreundlich.“ Er erwartet rasche Lösungen, für die es ein gutes Beispiel gibt. In Bempflingen (Kreis Esslingen) ist es gelungen, solch eine Lücke zwischen dem VVS und dem Neckar-Alb-Nahverkehrsverbund Naldo zu schließen. Doch Leipnitz geht weiter mit seinen Forderungen. Er mahnt eine grundsätzliche Reform der Struktur des Nahverkehrs in Baden-Württemberg an. Der Nahverkehr ist derzeit in 22 Verkehrsverbünde aufgesplittet –  „ein ziemlicher Flickenteppich“. Dadurch besteht ein Wirrwarr an Tarifen.

Das Land soll sich laut Leipnitz ein Beispiel an Hessen nehmen, das mit nur drei Nahverkehrsverbünden auskomme, selbst das bevölkerungsreiche Nordrhein-Westfalen unterhalte lediglich neun. Das Thema, so der Sozialdemokrat, müsse bei der Novelle der Verbundförderung ab 2019 angegangen werden. Bei diesen Verhandlungen über die künftige Förderung durch das Land müsse die Regierung den Verbünden nahelegen, sich zu großen Einheiten  zusammenzuschließen.

Der Regionalrat erinnert daran, dass das Land durchaus in der Lage ist, Druck auszuüben. Es könne mit höherer Förderung winken, um die Bereitschaft zu Zusammenschlüssen zu verstärken. Das Land könne aber auch mit der Streichung von Fördermitteln drohen, falls es nicht vorangeht. Leipnitz: „Das Land hat den goldenen Zügel in der Hand.“

Experte in Verkehrsfragen

Der Politologe und Historiker Thomas Leipnitz gehört seit 1999 der Regionalversammlung an. Im 2004 übernahm er die Funktion des verkehrspolitischen Sprechers der SPD-Fraktion. Außerdem vertritt er seine Fraktion im Aufsichtsrat des Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart (VVS). Der in Stuttgart lebende Regionalpolitiker arbeitet im Hauptberuf als Parlamentarischer Berater für Verkehrsfragen in der Landtagsfraktion der SPD.

Der VVS wurde 1978 gegründet. Er koordiniert den öffentlichen Nahverkehr im Stadtkreis Stuttgart und vier Landkreisen. eb