Mobilität „Ich weiche jedem Stau aus“

Autorin Nadja Otterbach hat das Auto gegen ein Lastenrad getauscht. Ihren Kindern (im Bild Sohn Oscar) macht das sowieso mehr Spaß.
Autorin Nadja Otterbach hat das Auto gegen ein Lastenrad getauscht. Ihren Kindern (im Bild Sohn Oscar) macht das sowieso mehr Spaß. © Foto: Ferdinando Iannone
Stuttgart / Nadja Otterbach 02.01.2018

Ich gebe es zu: Ich bin nicht die talentierteste Autofahrerin. Die Straßen in Stuttgart sind mir zu voll, die Hupen zu laut, die Fahrer zu ungeduldig. Nach jeder Fahrt sage ich: Das tue ich mir nicht mehr an. Eines Abends hält mir mein Mann den Laptop vor die Nase und startet ein Youtube-Video. Darin zu sehen: eine junge Frau auf einem Fahrrad, vor ihr in einer Kiste sitzend lassen sich zwei Kinder den Fahrtwind um die Ohren wehen. „Wäre das nicht was für dich?“

Drei Wochen später stehe ich vor dem Showroom von Anne Pelzer. Die 42-Jährige vertreibt seit 2015 im Stuttgarter Süden Lastenräder mit Elektroantrieb aus Dänemark und den Niederlanden. „Hyggelig“ hat sie ihr Unternehmen genannt, was auf Dänisch so viel heißt wie: gemütlich.

Meine erste Probefahrt ist ganz und gar nicht gemütlich. Es fühlt sich an, als hätte ich eben erst das Fahrradfahren gelernt. Die meisten Modelle sind nicht nur zweieinhalb Meter lang, sondern wiegen auch über 40 Kilo. Nehme ich meine beiden Kinder (2 und 4) an Bord, kommen noch mal 35 Kilo dazu, nicht zu vergessen, mein eigenes Gewicht. Schaffe ich das, ohne beim ersten Ampelstopp mit voller Ladung auf die Straße zu kippen? Wie lenke ich diesen Koloss, wenn es mal eng zugeht? Und: Reicht der Motor, um die Hügel der Stadt entspannt hoch zu strampeln? Schließlich möchte ich nicht verschwitzt zu Interviews erscheinen. Da hilft nur eins: üben.

Motor mit 250 Watt

Ich probiere den dänischen Klassiker aus: das Christiania-Bike. Ein Dreirad mit einer Holzkiste hinterm Lenker und mit einem Motor ausgestattet, der sich am Griff zuschalten lässt. Damit kann ich ja wohl kaum umkippen. Von wegen! Wer mit diesem Lastesel zu schnell in die Kurve schießt, muss aufpassen, dass die Räder nicht an Bodenhaftung verlieren. Anne Pelzer aber lobt mich. „Andere stellen sich viel schlimmer an beim ersten Mal.“ Ich wage mich an die sportliche zweirädrige Variante. Das „Urban Arrow“ ist ein stylisches und wendiges Modell aus den Niederlanden. Ein 250-Watt-Motor treibt mich an. Es fühlt sich wieder mehr wie Fahrradfahren an, lediglich das Lenken dieses Kahns ist ungewohnt – bezeichnenderweise nennt man diese Art von Cargobike „Long John“. Am Ende entscheide ich mich für das Modell „Urban Arrow“. Und was soll ich sagen: Das Bike hat mein Leben verändert. Es erzeugt keinen Lärm, keine Abgase, keine Parkplatzprobleme. Ich weiche jedem Stau aus, bin schneller denn je bei geschäftlichen Terminen. Geht‘s hoch, schalte ich den Turbo ein und komme relaxt an.

Mein Auto lasse ich immer öfter stehen. So geht es vielen, die bei Anne Pelzer ihr Lastenbike ordern, wie die Unternehmerin erfahren hat. Bei Strecken unter fünf Kilometern sei man in der Stadt erwiesenermaßen mit dem Elektrorad schneller als mit jedem anderen Verkehrsmittel. Kein Wunder, dass der Verkehrs­club Deutschland seit 2013 einen Trend hin zum Lastenrad erkennt – Tendenz steigend.

Reichweite bis zu 50 Kilometer

Jedes Gefährt lässt sich individuell ausstatten. Ob mit Doppelsitzbank, Sonnendach oder Hunde-Einstiegsrampe, fast alles ist möglich. Zwischen 1000 und 5000 Euro muss man dafür berappen. Bis zu 50 Kilometer kann ich mit meinem neuen Rad zurücklegen, maximal hundert Kilo hält die Box aus. Einkäufe passen locker in die Kiste, das Schlagzeug meines Mannes auch. Sind meine Kinder mit an Bord, sind wir die geballte Fröhlichkeit auf Rädern. Die Kleinen jubeln den Passanten zu, und die winken lachend zurück. Zwar gehört das Lastenbike mehr und mehr zum Stuttgarter Straßenbild, doch wie in Amsterdam oder Kopenhagen, wo der Lastesel das Hauptverkehrsmittel vieler Familien ist, geht’s noch nicht zu. Im Kessel haftet dem Lastenradfahrer noch immer etwas Exotisches an.  Ständig werde ich angesprochen.

Neulich schwang eine junge Frau ihren Hintern auf mein Rad, zückte ihr Handy und bat mich, sie zu fotografieren. Wer neue Menschen kennenlernen möchte, braucht keinen niedlichen Welpen mehr an seiner Seite. Ein Lastenbike funktioniert auch.

Infokasten
Land fördert Anschaffung mit bis zu 4000 Euro

Statistik Der Zweirad-Industrie-Verband schätzt die Verkäufe von Lastenrädern in Deutschland im Jahr 2016 auf rund 30 000.

Förderung Wer sein E-Lastenrad überwiegend gewerblich nutzt, kann die Hälfte der Anschaffungskosten erstattet bekommen. Das Land schießt bis zu 4000 Euro zu. Seit Juni 2017 sind rund 160 Anträge eingegangen.

Leihsystem Seit Juli 2017 gibt es den Verein „Freies Lastenrad Stuttgart“. Die Initiative verleiht Lastenräder auf Spendenbasis – zur nichtkommerziellen Nutzung. Vermietung online über: www.lastenrad-stuttgart.de

Lieferdienst Der Fahrradkurierdienst „Velocarrier“ möchte den Lieferverkehr in Stuttgart umweltfreundlicher gestalten. „Velocarrier“ bedient Kliniken, Apotheken und Einzelhändler und hofft, künftig auch die Zustellung für private Paketdienstleister in der Innenstadt zu übernehmen. Der ADAC setzt in Stuttgart Lastenräder als Fahrzeuge in der Pannenhilfe ein. nad

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