Transsexualität „Ich war immer eine Frau“

Anke Devoghele fühlt sich seit der Geschlechtsanpassung wohl in ihrer Haut.
Anke Devoghele fühlt sich seit der Geschlechtsanpassung wohl in ihrer Haut. © Foto: Ferdinando Iannone
Stuttgart / Von Nadja Otterbach 09.06.2018

Anke Devoghele ist eine Erscheinung. 1,80 Meter groß, die Fingernägel rot lackiert, pinker Lidschatten, ein weißes Kleid mit Blumenprint. Das brünette Haar fällt ihr locker auf die Schultern. Es ist ein lauer Sommerabend, Devoghele sitzt draußen vor dem Café Galao im Stuttgarter Süden und nippt an einem Cappuccino. Ab und zu bleibt ein Blick der anderen Gäste  auf ihr haften. Sie ist das gewohnt, denn sie weiß: „Ich bin eine maskuline Frau.“

Noch vor wenigen Jahren lebte sie als Mann, wobei sie diesen Satz nicht so formulieren würde. „Innen drin war ich immer weiblich,“ sagt sie, „ich wusste nur ganz lange nicht, was mit mir los war“. Vor zweieinhalb Jahren, mit Anfang 50, ließ sie ihr Geschlecht angleichen, sie nimmt Medikamente, die ihren Hormonhaushalt verändern, sie weiblicher und weicher machen. „Heute kann ich sagen: Ich bin glücklich, ich führe ein sehr schönes Leben“, sagt die studierte Volkswirtin, die im Kreis Böblingen lebt.

Geboren wurde sie in einem männlichen Körper. Anke Devoghele wurde als Junge großgezogen. Ihre Kindheit beschreibt sie als schwierig. Sie war ein in sich gekehrtes Kind, das „nirgendwo  richtig hinpasste“. Mädchensachen zogen Anke Devoghele magisch an. Sie liebte die Barbies ihrer Schwester, wollte ihr Haar lang tragen, lieber mit Mädchen als mit Jungen spielen. An und für sich nicht ungewöhnlich, doch sie sieht es als erste kleine Anzeichen, dass etwas an ihr anders war. Ihre Mutter tat ihre Wünsche als Spinnerei ab und schickte „ihren Buben“ ab der fünften Klasse auf ein Jungengymnasium. „Das war ein Albtraum“, erinnert sich Anke Devoghele. Sie schrieb schlechte Noten und wechselte in der zehnten Klasse auf eine andere Schule. Auf das Drängen ihrer Eltern hin studierte sie Elektrotechnik, brach ab und wechselte zu VWL.

Besonders glücklich sei sie nie gewesen, sagt sie. Sie heiratete, bekam mit ihrer Frau zwei Töchter – und dachte an Selbstmord. Es dauerte viele Jahre, bis sie selbst realisierte, dass ihre wahre, ihre gefühlte geschlechtliche Identität eine weibliche ist. Sie trug gern Nylonstrümpfe zum Anzug, glaubte, ihr Leben so arrangieren zu können. Sie konnte es nicht. Mit Mitte 40 wurde ihr bewusst: „Ich habe nicht nur eine weibliche Seite, ich bin eine Frau.“  Nach 23 Ehejahren trennte sie sich von ihrer Partnerin, die Töchter waren fast erwachsen.

Anke Devoghele holt ihr Handy hervor und zeigt ein Foto von sich als Mann. Sie möchte nicht, dass man es beschreibt, auch ihren früheren Namen will sie nicht preisgeben. „Nicht, weil ich mit der Vergangenheit ein Problem habe, aber ich schaue lieber nach vorn.“ Bis zu ihrem öffentlichen Outing vergingen weitere Jahre. Zu groß war die Angst, geächtet zu werden. „Was wird aus mir und meiner Partnerin? Verliere ich meinen Job? Mein Haus? Meine Freunde?“ Sie war fast 50, als sie beschloss, von nun an als Frau zu leben.

Eine Tochter sagt Papa zu ihr

Sie fand eine neue Partnerin, die den Weg mit ihr ging – bis heute. Wenn sie von ihrem Outing erzählt, fließen ein paar Tränen. Es überwältigt sie noch immer, sagt sie. Die Gespräche mit den Nachbarn, den Freunden und den Chefs. Die Reaktionen seien allesamt positiv gewesen. Sie suchte sich einen Therapeuten, Gutachten folgten, richterliche Beschlüsse, der Alltagstest als Frau. Die Geschlechtsangleichung ist jetzt zweieinhalb Jahre her, sieben Stunden dauerte die OP. Als sie den Verband abnehmen durfte, betrachtete sie ihre Vagina eine Stunde lang im Spiegel. Sie erinnert sich an ihr Gefühl: „Jetzt ist alles gut.“

Heute, sagt sie, führt sie ein normales Frauenleben mit einer erfüllten Sexualität. Anke Devoghele tritt als Burlesque-Künstlerin auf, singt in einer Rockband. Ihre Töchter zogen sich erst mal zurück, fanden aber nach einem Jahr wieder zu ihr. Die ältere Tochter nennt sie Anke. Die jüngere sagt immer noch Papa.

Die Gesetzeslage muss novelliert werden

Recht Das deutsche Transsexuellengesetz (TSG) trat 1980 in Kraft. Es ermöglicht Transsexuellen, ihren Vornamen zu wechseln oder im Personenstandsregister ihren Status von „männlich“ auf „weiblich“ - oder umgekehrt - ändern zu lassen. Seit 2011 ist die Änderung auch ohne operativen Eingriff möglich.

Ausblick Das TSG steht vor einer Novellierung: Nach Überzeugung des Bundesfamilienministeriums muss das TSG durch ein menschenrechtsbasiertes Gesetz zur Anerkennung der geschlechtlichen Vielfalt ersetzt und die Begutachtungspflicht beendet werden. nad

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