Die fünf großen Schlüssel, mit denen sie ständig schwere Türen auf und zuschließen muss, trägt sie immer bei sich. Daran hat sich Susanne Büttner längst gewöhnt. Seit 2001 ist die evangelische Pfarrerin als Gefängnisseelsorgerin in der Justizvollzugsanstalt Schwäbisch Gmünd tätig. Die 55-Jährige ist auch künftig für die knapp 400 Frauen, die hier inhaftiert sind, zuständig. „Auch nach 17 Jahren hier bin ich nicht müde“, sagt die Theologin, die seit 2. Dezember Gefängnisdekanin in Baden-Württemberg ist.

Im Gespräch mit Büttner entsteht der Eindruck, dass die neue Aufgabe bei ihr zusätzliche Energien freigesetzt hat. Sie will sich stark machen dafür, „die guten Standards in der Gefängnisseelsorge auch in Zeiten von Überbelegung und psychisch stärker belasteten Gefangenen zu erhalten“. Erfahrung gesammelt hat sie dafür unter anderem schon im Vorstand der Bundeskonferenz Gefängnisseelsorge.

Die Pfarrerin tritt für einen humanen Strafvollzug ein und will dafür sorgen, „dass Gefangenen sowie Bediensteten in Kirche und Gesellschaft eine angemessene Würdigung zukommt“. Der geistliche Auftrag steht für sie im Mittelpunkt, „damit es im Gefängnisalltag Zeit für Innehalten, Stille und Reflexion gibt“. Die Aufgabe, „aus der Welt des Gefängnisses für Gefangene und Bedienstete eine Brücke zu bauen in die Gesellschaft hinein“, wird nach Büttners Beobachtung immer schwieriger. „In den 80er Jahren hatten Gefangene noch eine stärkere Lobby“, sagt sie. Heute sei das Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung viel höher. Gefängnisse würden deshalb zu Festungen.

Als Beispiel nennt sie den markanten Bau in Stuttgart-Stammheim. Die Haftanstalt wirkt im Gegensatz zu dem in einem ehemaligen Kloster untergebrachten Frauengefängnis in Schwäbisch Gmünd wie eine Festung. Außerdem seien im Männervollzug die Probleme viel größer, so Büttner. Als Gründe nennt sie die Überbelegung, einen immer größeren Teil von Inhaftierten, der nicht Deutsch spricht, ein höheres Aggressionspotenzial, mehr Streit unter den Gefangenen und die Suchtproblematik. Als positiv bewertet sie, dass es in Stammheim nun auch Seelsorge für Muslime gibt.

Haft-Alltag angenehm gestalten

Büttner kommt es darauf an, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie der Gefängnisalltag angenehmer gestaltet werden kann. Sie betont, auch die Begleitung der Bediensteten werde wichtiger, weil für diese die Überbelegung und die zunehmende Anspannung äußerst belastend seien.

Zuständig ist Büttner zudem für die Begleitung von 17 hauptamtlichen und elf nebenamtlichen evangelischen Pfarrern im baden-württembergischen Strafvollzug. Sie sieht sich sozusagen als „Schnittstelle zwischen Kollegen, Kirchenleitung und Justizministerium“.

Angesichts eines wachsenden Anteils von Muslimen in den Gefängnissen spricht Büttner auch ausdrücklich von einem „Angebot für Menschen aller Religionen“. Oft führt sie sogar mehrmals täglich Gespräche, „bei denen sich die Menschen Dinge von der Seele reden können, ohne dabei befürchten zu müssen, dass dies in die Akten kommt“, erklärt die Seelsorgerin, die der Schweigepflicht unterliegt und dabei auch das Zeugnisverweigerungsrecht besitzt.

Es gehe vielfach um Schuldgefühle – zum Beispiel, wenn eine Mutter sich wegen ihrer Haft nicht mehr um ihre Kindern kümmern kann. Die Gefängnisdekanin spricht immer auch die Schuld gegenüber den Opfern an. Sie leidet mit, wenn sie hört, wie tief manche Frauen in gewalttätige Beziehungen verstrickt sind. Den Inhaftierten will sie deswegen eine Zukunftsperspektive geben. Über Jahre hinweg begleitet Büttner aber auch Frauen, die eine lange Haft verbüßen. Manche würden ihre Tat sogar bis zum Schluss ihres Gefängnisaufenthalts verdrängen, sagt sie.

In Gruppengesprächen geht es oft um Alltagsfragen, aber auch darum, was Muslime glauben. Oft würden in den Zellen Christinnen und Muslimas auf engstem Raum zusammenleben.

Soziale Lage hat sich verschärft

Sorgen macht Büttner die Beobachtung, dass immer mehr Personen mit kurzen Strafen in den Gefängnissen sitzen. Dabei gehe es oft um Beschaffungskriminalität, aber auch ums Schwarzfahren. „Es gibt offenbar mehr Menschen, die sich ihre Mobilität nicht mehr leisten können“, sagt sie. Die Theologin beklagt eine zunehmende Verschärfung der sozialen Lage und fragt sich dann manchmal, „ob diese Leute wirklich ins Gefängnis gehören?“.

Dass immer mehr arme Menschen in Haft sind, zeige sich auch deutlich an Weihnachten. Die Angehörigen haben oft nicht mehr die Mittel, den Gefangenen Geld für Einkäufe zukommen zu lassen, sagt Büttner.

Infokasten


Ansprechpartnerin für Behörden und Kirche


Zu den Aufgaben der Dekanin im Justizvollzug gehören unter anderem die Förderung der Zusammenarbeit zwischen den Justizvollzugsbehörden und den beiden evangelischen Landeskirchen in Baden und Württemberg sowie die Beratung des Justizministeriums in Angelegenheiten der Seelsorge. Weiter zu nennen sind die Betreuung aller im Strafvollzug tätigen Seelsorger und die Fachaufsicht über diese.

Die Dekanin klärt die Seelsorger auch bezüglich der Anforderungen im Gefängnis auf. Dazu gehören die hohen Sicherheitsstandards. Es ist beispielsweise verboten, Gefangenen Geschenke zu machen. lan