Stuttgart "Food Security Center": Kampf gegen den Hunger

Stuttgart / MONIKA ETSPÜLER 11.02.2015
Das "Food Security Center" der Uni Hohenheim ist europaweit die einzige Einrichtung, die sich explizit mit Hunger und Mangelernährung in der Welt beschäftigt. Die finanzielle Förderung wurde jetzt verlängert.

Eine Welt ohne Hunger und Mangelernährung hält Professor Hans Konrad Biesalski für eine schöne Illusion. Als Leiter des "Food Security Center" (FSC) an der Uni Hohenheim flattern dem Ernährungsmediziner tagtäglich Berichte über Not und Elend auf den Tisch. Seit fünf Jahren gibt es die Einrichtung, die es sich zur Aufgabe gemacht, der desolaten Ernährungssituation weltweit etwas entgegenzusetzen. Mit einer Fördersumme von fünf Millionen Euro hat der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) jetzt bis 2019 die Arbeit des FSC abgesichert.

Das Center ist europaweit die einzige Einrichtung, die sich explizit mit der Ernährungssicherung beschäftigt. "Bei dem Thema haben wir immer das Bild abgemagerter Kindern vor Augen", sagt Biesalski. Doch Hunger ist nicht nur eine Frage des Kalorienzählens. Viel weiter verbreitet ist der sogenannte "verborgene Hunger". Es fehlt an lebenswichtigen Mikronährstoffen wie Vitaminen und Mineralien, und das nicht nur in armen Ländern. Längst klagen auch reiche Nationen über Mangelerscheinung in der Bevölkerung; laut Weltgesundheitsorganisation leiden 20 Prozent der Menschen darunter. Das Fatale: Der verborgenen Hunger wird meist erst erkannt, wenn Kinder bereits unter Wachstumsstörungen und Übergewicht leiden oder wenn unter den Erwachsenen sich die klassischen Zivilisationskrankheiten breit machen. Arme und bildungsferne Menschen sind besonders gefährdet, sagt Biesalski.

Mangelernährung in der Welt zu bekämpfen, bedeutet im Falle des Centers, Ausschreibungen vorzunehmen und sich um die Austauschprogramme der Studenten und Doktoranden aus aller Welt zu kümmern. So war es in den vergangenen fünf Jahren möglich, knapp 50 Doktoranden aus 21 Ländern nach Hohenheim zu holen, die dort ihren Forschungsarbeiten zum Thema Ernährung nachgehen konnten.

An der Stuttgarter Uni finden sie dafür ausgezeichnete Voraussetzungen. Fakultätsübergreifend arbeiten hier mehr als 100 Wissenschaftler aus den Bereichen Agrar-, Natur- Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an Themen der Ernährungssicherung zusammen. Nicht zuletzt aufgrund dieser besonderen Struktur hat Hohenheim 2009 den DAAD-Wettbewerb "Hochschulexzellenz in der Entwicklungszusammenarbeit" gewonnen, was dann letztendlich zur Gründung des "Food Security Center" geführt hat.

Seitdem strickt die Einrichtung, die gerade mal aus einer Handvoll Mitarbeitern besteht, eifrig an einem internationalen Netzwerk. Sie kooperiert mit verschiedenen Universitäten und Forschungseinrichtungen, unter anderem in Benin, Costa Rica, Thailand, Indonesien und Äthiopien, und hält engen Kontakt zu Initiativen wie "Eine Welt ohne Hunger" des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

"Für uns ist wichtig, dass die Studenten das, was sie hier lernen, in ihren Heimatländern praktisch umsetzen. Sie sind für uns eine Art Multiplikator", sagt Biesalski. So kommen dann internationale Projekte zustande: In Brasilien sollen Indios wieder mit ihren traditionellen Lebensmitteln vertraut gemacht werden. In Costa Rica wurde mit dem Aufbau eines "Food Security Center" begonnen. In Indien lernen Kleinbauern, wie man Gemüse anbaut, und in Kenia Frauen, wie man es zubereitet. "Es nützt nichts, nur auf Reis, Mais und Getreide zu setzen. Das macht zwar satt, aber die Mangelernährung wird dadurch nicht behoben." Biesalski favorisiert deshalb den althergebrachten Gemüsegarten als kleinste Einheit für eine adäquate Ernährung. "Dazu ein paar Eier, etwas Fleisch."

Mangel auch in Deutschland

Aufklärungsarbeit Auch hierzulande gibt es in Sachen Ernährung Defizite. Man weiß, dass der Bedarf an Mikronährstoffen wie Folsäure, Vitamin D, Eisen und Jod nicht ausreichend gedeckt ist. Deshalb will das Stuttgarter "Food Security Center" künftig auch mehr Aufklärungsarbeit in unseren Breitengraden leisten. Ziel sei, dass jedes Kind wenigstens einmal am Tag eine gesunde Mahlzeit bekomme.

 

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