Stuttgart "Ein Ende der Zeitung kommt nicht infrage"

Sorgt sich um die Pressefreiheit in der Türkei: Yahya Yildirim.
Sorgt sich um die Pressefreiheit in der Türkei: Yahya Yildirim. © Foto: Fatih Aktürk
FATIH AKTÜRK 19.03.2016
Die auflagenstärkste türkische Zeitung "Zaman" wurde unter Zwangsverwaltung gestellt. Der Stuttgarter Ableger macht jetzt alleine weiter.

Anfang März stürmt die Polizei die Redaktionsräume der "Zaman" in Istanbul. Die Zentrale der auflagenstärksten Zeitung der Türkei wird unter Zwangsverwaltung gestellt. Das Blatt war für seine kritische Haltung gegenüber Staatspräsident Erdogans Regierung bekannt - offiziell hatte ihr ein Istanbuler Gericht vorgeworfen, mit der verbotenen Arbeiterpartei PKK zusammenzuarbeiten.

Eine Entwicklung, die bis in den Stuttgarter Westen Auswirkungen hat. Dort hat die "Zaman" einen ihrer deutschen Ableger. Seit 1996 berichten drei Journalisten über baden-württembergische Landespolitik und über Themen, die die hiesigen Deutsch-Türken bewegen. Rund 20 Seiten täglich wurden bislang von den Kollegen in Istanbul und Ankara geliefert, weitere vier wurden in Stuttgart erstellt. "Wir hatten eine Art Franchise-Vertrag", erklärt der hiesige Redaktionsleiter, Yahya Yildirim. Dieser Vertrag sei nun auflöst worden. Die Linie der "Zaman" habe sich unter dem Zwangsverwalter komplett geändert, nennt er als Begründung: "Wenn es nach ihm ginge, dürften wir gar keine Kritik mehr üben." Das Gesicht der Zeitung habe sich in Windeseile verändert, beklagt der Redaktionsleiter.

Nach der Vertragsauflösung muss sich die Stuttgarter "Zaman", die schon vorher mit einer sinkenden Auflage (aktuell 15.000) und wegbrechenden Anzeigeneinnahmen hatte kämpfen müssen, nun neu aufstellen. Überstunden sind angesagt. Genauso wie für die weiteren sechs Korrespondenten bundesweit - die deutsche Zentrale befindet sich in Berlin. Nachrichten aus der Türkei beziehe man jetzt vor allem über Presseagenturen, schildert Yildirim die Situation. Die Seitenzahl sei auf 16 reduziert worden. "Zaman"-Kollegen in Brüssel, Paris, Kopenhagen und Zürich, mit denen Kooperationsverträge bestehen, lieferten ebenfalls Texte zu. "Die meisten Ausgaben in Europa erscheinen wöchentlich. Dadurch haben die Kollegen Zeit, uns zu helfen." Obendrein hätten ehemalige Kollegen Unterstützung bei der Produktion angeboten.

Die Stimmung in der Redaktion sei angespannt, sagt Yildirim. "Ein Ende der Produktion unserer Zeitung kommt aber nicht infrage", betont er. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet er für die "Zaman" und sagt, sie habe schon größere Krisen überwunden. "Wir können vielleicht nicht mehr jede Veranstaltung in Stuttgart verfolgen, trotzdem wird die Zeitung keine Qualitätsverluste erleiden und weiter über die Belange der türkischen Community berichten", hat sich der 44-Jährige zum Ziel gesetzt.

Für die Zukunft wünscht sich Yildirim, dass sich die Lage in seinem Heimatland beruhigt - und wieder Impulse Richtung Demokratie kommen. Die zunehmende Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit erfüllt den Journalisten mit großer Sorge - doch er hat sich vorgenommen, positiv zu bleiben: "Die Situation ist aktuell sehr schlecht, ja, aber sie wird sich definitiv verbessern. Da bin ich mir sicher. Wenn ich jetzt nur Angst und Kummer hätte, könnte ich nicht weiterarbeiten."