Wirtschaft „Duale Ausbildung ist sexy geworden“

Johannes Schmalzl arbeitet daran, dass die Region Stuttgart ihre starke Position halten kann.
Johannes Schmalzl arbeitet daran, dass die Region Stuttgart ihre starke Position halten kann. © Foto: Ferdinando Iannone
Stuttgart / Von Daniel Grupp 02.11.2018

Eine „ganz wichtige Scharnierfunktion zwischen Wirtschaft und Politik“  nimmt aus Sicht von Johannes Schmalzl die Industrie- und Handelskammer ein. Der 53-Jährige arbeitet seit einem Jahr als Hauptgeschäftsführer der IHK Region  Stuttgart. Davor war der frühere Stuttgarter Regierungspräsident ein Jahr lang als Ministerialdirigent am Bundesfinanzministerium tätig. Berlin wieder verlassen zu haben, bereut Schmalzl nicht: Die neue Arbeit „macht große Freude“.

Die Wahl des Geschäftsführers war innerhalb der IHK umstritten. Die Kammerkritiker der Initiative Kaktus, die ein Drittel der Mitglieder der IHK-Vollversammlung stellen, hatten Schmalzls Wahl verhindern wollen. Peter Schweizer von Kaktus sieht die Bedenken bestätigt und meint ironisch: „Er hat die in ihn gestellten Erwartungen voll erfüllt.“ Ein konstruktiver Dialog habe nicht stattgefunden. Gespräche seien substanzlos gewesen. „Es geht letztlich darum, uns so ein bisschen einzulullen.“ Die Stimmung in der Vollversammlung sei gegenüber der Zeit des Vorgängers Andreas Richter nicht besser geworden.

Der Geschäftsführer bewertet die Zusammenarbeit etwas anders. „Ich freue mich, wenn wir uns auf unsere Sachthemen konzentrieren können.“ Die Zwangsmitgliedschaft in der IHK, die von den Kakteen abgelehnt wird, ist aus Schmalzls Sicht ein Ausdruck der Solidarität mit Betrieben, die ausbilden. „Es gibt viele Mitgliedsunternehmen, die nicht direkt von der Kompetenz der Kammer profitieren.“ Womöglich profitierten aber die Kunden dieser IHK-Kritiker von der Ausbildungs- oder Exportberatung der Kammer. Die IHK biete eine Selbstverwaltung durch die Unternehmen für die Unternehmen. Das hält Schmalzl für besser, als wenn der Staat diese Leistungen organisieren müsste.

Aus seiner Sicht hat die Region im vergangenen Jahr wichtige Weichen gestellt. Er verweist auf die mit der Telekom verabredete Digitalisierung, die den Ausbau des Glasfasernetzes voranbringen und den Raum Stuttgart zur Pionierregion des neuen Mobilfunkstandards G5 machen soll.

Der Geschäftsführer freut sich über die wachsende Zahl an Auszubildenden, trotz zurückgehender Schülerzahlen. „Die duale Ausbildung ist richtig sexy geworden“. Sie biete viele Vorteile gegenüber dem Studium: „Das sind die Chefs der Zukunft.“

Region soll Einfluss ausüben

Schmalzl wünscht sich, dass die Region, zu der neben Stuttgart die Kreise  Böblingen, Esslingen, Göppingen, Ludwigsburg und der Rems-Murr-Kreis gehören, einen Einfluss ausübt, der ihrer Bedeutung entspricht. „Wir sind das wirtschaftliche Kraftzentrum des Landes und gehören zu den bedeutendsten Regionen in Europa.“ Es sei wichtig, dass alle 179 Kommunen an einem Strang ziehen. Dies gelte besonders beim Thema Mobilität: „Ich habe den Traum, dass ein Landrat, der den Verkehrsminister trifft, zunächst die wichtigen Themen aller energisch vertritt, bevor er eigene Themen anspricht.“

Beim Thema Luftschadstoffe kritisiert der IHK-Vertreter weiterhin die nahenden Fahrverbote. Deutschland sei das einzige Land auf dem Globus, das über Dieselfahrverbote diskutiere. Er gibt zu bedenken, dass immer mehr Menschen unterwegs sind. Wenn der ÖPNV doppelt so lange benötige wie das eigene Auto, müsse sich niemand wundern. „Wir wollen die Entscheidungsfreiheit der Menschen. Ich hoffe, dass das Thema Fahrverbote vom Tisch ist.“ Wichtig sei, dass der ÖPNV verlässlicher werde. Andererseits seien die Unternehmen der Region und deren Beschäftige daran interessiert, dass sie in einer intakten Umgebung leben.

Da die Region Stuttgart aus Schmalzls Sicht ein Spitzenstandort der Mobilitätstechnologie ist, sieht er die Probleme der Branche und Fahrverbote mit Sorge. Es gehe um eine „weltweit erfolgreiche“ Autobranche. „Es darf nicht so weit kommen, dass der deutsche Wohlstandsmichel den Ast absägt, auf dem er sitzt“, warnt Schmalzl. Daher müssten Modelle entwickelt werden, mit denen die Autohersteller in die Gewinnzonen kommen. Es liege aber an den Kunden, diese Produkte aus der Nische zu holen.

Auf harten Brexit vorbereiten

Als Risiken für die hiesigen Firmen sieht der Geschäftsführer den drohenden Brexit und den Handelskrieg, den US-Präsident Donald Trump vom Zaun bricht. „Wir müssen uns dem stellen.“ Die Unternehmen müssten sich auf einen harten Brexit vorbereiten: „Wir träumen nicht von einem zweiten Referendum in Großbritannien.“ Handelshemmnisse lösten unglaubliche Folgeprobleme aus, weil die weltweite Produktion stark vernetzt ist. Zum Beispiel werde ein Produkt in China hergestellt, in den USA weiterverarbeitet und in Deutschland in eine Maschine eingebaut: „Zollschranken und ein Handelskrieg zwischen den USA und China treffen uns ins Mark.“

Zur Person Johannes Schmalzl ist 53 Jahre alt. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Die  Familie lebt im Kreis Böblingen.

Kritiker fordern Reformen

Die Initiative Kaktus lehnt die Zwangsmitgliedschaft in der IHK ab. Die Gruppierung fordert mehr Transparenz, Mitbestimmung und „Beitragsgerechtigkeit“. Das bedeutet, dass die Mitgliedsbeiträge anders berechnet werden sollen. Die hohe Rücklage von 21 Millionen Euro soll den Mitgliedern angerechnet werden. Die Lobbyarbeit der IHK soll eingeschränkt und Ausbildungsinhalte sollen modernisiert werden.  dgr

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