Bahnhof S 21: „Brandschutz ist unlösbares Problem“

Stuttgart / Daniel Grupp 23.05.2018
Kritiker Hans-Joachim Keim bezweifelt, dass der Tiefbahnhof in Betrieb gehen kann. Andere Experten halten dagegen.

Der Tiefbahnhof wird keine Brandschutzgenehmigung bekommen. Das ist ein unlösbares Problem“, ist sich Hans-Joachim Keim sicher. Der Maschinenbau-Ingenieur, seit Jahren entschiedener Kritiker des Bahnprojekts, hat sich das geplante Brandschutzkonzept angeschaut. Er ist der Überzeugung, dass sich spätestens bei Brandübungen vor der Inbetriebnahme des neuen Stuttgarter Bahnhofs zeigen wird, dass die „Entfluchtung der Fahrgäste nicht machbar ist“. Dies bedeutet, dass aus Keims Sicht bei einem Feuer nicht gewährleistet werden kann, dass die Fahrgäste in Sicherheit gebracht werden.

Als international anerkannter Brandschutzexperte ist der 66-Jährige vom Fach. Keim war Gutachter nach der Tunnelkatastrophe in Kaprun, wo im November 2000 in einer Gletscherbahn 155 Menschen ums Leben kamen. Er strengte zusammen mit den Hinterbliebenen die Wiederaufnahme des Verfahrens gegen die Betreiber der Bergbahn an. Aus seiner Sicht ist der Stuttgarter Tiefbahnhof samt Tunneln mit Kaprun vergleichbar.

„Sehen keine Hindernisse“

Andere Experten haben eine gegenteilige Meinung. Klaus-Jürgen Bieger, Brandschutzbeauftragter der Bahn AG: „Wir haben mehr gemacht, als wir rechtlich machen mussten“, betonte er im Stuttgart-21-Ausschuss des Gemeinderats. Markus Heber,  stellvertretender Leiter der Branddirektion Stuttgart, hat sich das Brandschutzkonzept für den Durchgangsbahnhof angeschaut und  für plausibel erklärt. „Die grundsätzliche Umsetzbarkeit und Machbarkeit ist gegeben“, sagt Heber. Die Branddirektion habe die Sicherheitspläne für S 21 kritisch unter die Lupe genommen und nicht einfach durchgewunken. „Wir hatten Bedenken gegenüber den vorgestellten Entfluchtungskonzepten“, erinnert Heber an Planänderungen der vergangenen Jahre. Zum Beispiel wurden die verglasten Fluchttreppenhäuser in der Mitte der Bahnsteige aufgegeben.

Mit der vom Eisenbahnbundesamt genehmigten 18. Planänderung wurden die Fluchttreppen an die Enden der vier Bahnsteige verlegt. Ein Belüftungssystem muss gewährleisten, dass die Enden und die Fluchtwege weitgehend rauchfrei bleiben, bis sich Menschen aus den Zügen in Sicherheit sind. „Wir haben die Hinweise der Branddirektion aufgenommen“, erklärt Klaus-Jürgen Bieger. „Wir sehen kein Hindernis für  eine Inbetriebnahme.“

Keim, der ein Ingenieurbüro betreibt, ist sich derweil sicher, dass in den Tunneln zum Bahnhof eine Entfluchtung nicht  gelingen kann. Bergauf 500 Meter bis zum  Rettungsstollen sei zu weit. Den Fildertunnel nennt er einen „neun Kilometer langen Kamin“. Der Kamineffekt (Rauch breitet sich nach oben aus) sei mit Kaprun zu vergleichen.

Senfgas und Zyklon B

Der Ingenieur erwartet, dass bei großer Hitze, wenn zum Beispiel Hydrauliköl der Züge brennt, hochgiftige Substanzen entstehen können Er nennt „Senfgas“ und „Zyklon B“. Zudem drohe im Bahnhof bei einer panikartigen Flucht die Gefahr, dass sich Menschen an den Treppen gegenseitig zertrampeln.  Die Rettungsszenarien seien nicht realistisch, weil sie von Passagieren ohne Gepäck ausgingen. Rollstühle und Kinderwagen seien nicht berücksichtigt. Seiner Ansicht nach müsste ein sicherer Fluchtweg nach unten in einen Fluchttunnel unter den Gleisen führen.

Für Markus Heber hat die Simulationen indes gezeigt, dass das Fluchtkonzept funktioniert. Es könnten zwar in einem Feuer giftige Substanzen entstehen, die würden aber durch die Entlüftung aus den Tunnelöffnungen von den Fluchtwegen fern gehalten. Die frische Luft komme aus der Richtung, in die die Menschen rennen. Der Feuerwehrmann verweist darauf, dass die Studien und Gutachten der Bahn evaluiert und durch weitere Gutachter bestätigt worden seien. Es sei richtig, dass die Simulationen von Fliehenden ohne Gepäck ausgingen, jedoch sei auch mit 16 000 zu rettenden Menschen gerechnet worden. Realistisch seien aber nur bis zu 8000. Seine Bilanz: „Die Simulation zeigt, die Selbstrettung funktioniert.“

 Ingenieur Keim prophezeit für S 21 dennoch ein Scheitern. Nicht nur wegen des Brandschutzes. Wegen des Anhydrits, des Wasserdrucks und des kiesigen Untergrunds würden sich Tunnel verschieben und müssten gesperrt werden. „Der Fildertunnel wird in kürzester Zeit nicht mehr funktionieren.“ Daher müsse der Kopfbahnhof in Betrieb bleiben, „damit es im Ernstfall eine Ausweichstrecke gibt“.

Infokasten
Das Rettungskonzept wird am Computer getestet

Test Da der Bahnhof noch Baustelle ist, muss das Rettungskonzept am Computer getestet werden. Kritiker bemängeln, dass die Simulation Fliehende ohne Gepäck zu Grunde legt. Das sei unrealistisch. Die Zahl von Menschen mit Rollstühlen oder Rollatoren sei zu gering angesetzt. Zudem blieben Paniksituationen an den Ausgängen unberücksichtigt. 

Kaprun Beim Brand der Gletscherbahn Kaprun kamen am 11. November 2000 in einem Tunnel 155 Menschen ums Leben. Sie alle erlitten Rauchgasvergiftungen. Zwölf Menschen konnten sich retten, weil sie nach unten liefen – und so der Kaminwirkung im Tunnel entgingen: Rauch zieht nach oben. dgr

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