Spionage Stuttgarter wird vom türkischen Geheimdienst beobachtet

Fatih Aktürk 20.05.2017

Muammer Akin öffnete wie gewohnt seinen Briefkasten. Unter dem Stapel von Briefen fällt ihm einer besonders auf: Ein Schreiben vom Stuttgarter Polizeipräsidium. „Schon wieder ein Knöllchen?“, ärgert sich der 43-Jährige. Dann kommt ihm die schockierende Erkenntnis. Der Brief stammt von der Kriminalabteilung und teilt mit, dass sein Name auf den Spionagelisten des türkischen Nachrichtendienstes steht.

Akin hat lange Jahre die Bil-Schule in Stuttgart-Hallschlag geleitet. Die Schule, die in einem futuristisch anmutenden Gebäude untergebracht ist, steht der Bewegung des muslimischen Gelehrten Fethullah Gülen nahe. Die türkische Regierung sieht in Gülen den Drahtzieher des Putschversuchs vom 15. Juli im vergangenen Jahr – wofür es bisher laut Bundesverfassungsschutz keine Beweise gibt. Trotzdem werden Anhänger von Gülen in der Türkei als „Terroristen” eingestuft und vom öffentlichen Dienst suspendiert, verfolgt und verhaftet.

Längst stehen Anhänger Gülens auch in Deutschland unter dem Druck von Erdogan-Anhängern. Akin hat das zu spüren bekommen. „Alte Freunde haben den Kontakt zu mir gekappt, da sie mich nun als einen Terroristen ansehen”, sagt er.

Aber damit nicht genug. Akin muss jetzt erfahren, dass er auf den berüchtigten Spionagelisten des türkischen Geheimdienstes MIT steht. Der türkische Geheimdienstchef Hakan Fidan hatte dem deutschen BND-Präsidenten Bruno Kahl eine Liste mit in Deutschland vom MIT ausspionierten Menschen überreicht.

Auf diesen Listen sollen mehr als 300 Namen von Deutsch-Türken sowie knapp 200 Schulen, Vereine, Stiftungen und Medien stehen. Aber auch Namen deutscher Politiker tauchen auf diesen Listen auf.

Die zuständige Dienststelle des Polizeipräsidiums Stuttgart sagte auf Anfrage, sie habe die in Stuttgart wohnhaften Personen  „schriftlich darüber informiert, dass sie auf dieser Liste aufgeführt sind“. Ein Sprecher des Polizeipräsidiums bestätigte Berichte, wonach rund 30 Stuttgarter betroffen sind.

Für Akin kommt das zwar nicht wirklich überraschend; er ahnte, dass er vom türkischen Staat in irgendeiner Form beobachtet wird. Schließlich sei „der mehrheitlich Erdogan-nahen türkischen Community bekannt”, dass er für eine Gülen-nahe Institution gearbeitet habe.

Ein mulmiges Gefühl hat er aber dennoch: „Man fühlt sich so, als könnte jeden Moment etwas passieren.” Er bleibt vorsichtig und hält sich zurück. Zuletzt hat er die Türkei 2015 besucht. Seitdem hält er sich von seinem Heimatland fern.

Akin ist aber froh, dass er in einem Rechtsstaat lebt. „Ich vertraue den deutschen Sicherheitsbehörden”, versichert der Stuttgarter. Die Polizei Stuttgart habe die  Betroffenen informiert, damit die Betroffenen im Bedarfsfall, so ein Sprecher, wissen, wie die zuständige Polizeidienststelle zu erreichen und wer der richtige Ansprechpartner ist.