Geschichte Schattendasein als Zwangsarbeiter in Hall

Schwäbisch Hall / Sonja Alexa Schmitz 27.07.2018
Von 1951 bis 1963 leben auf dem Hasenbühl Familien von Zwangsarbeitern am Rande der Gesellschaft. Eine Betroffene erinnert sich an diese schwierigen Zeiten.

Anna Danczyk lebt heute in den USA. Sie heiratete einen amerikanischen Soldaten. Schön wurde ihr Leben mit ihrem gewalttätigen Ehemann nicht. Dabei hätte sie unbeschwerte Zeiten verdient, nachdem sie in der Kindheit wenig Schönes erlebt hat.

Die heute 68-Jährige wurde in Deutschland geboren. Aber deutsch fühlen durfte sie sich nicht. Ihre ukrainischen Eltern wurden als Zwangsarbeiter im Krieg nach Deutschland geholt. Sie kamen von Stadt zu Stadt, von Lager zu Lager. Anna Danczyk wurde in Ulm geboren. Als sie drei Monate alt war, kam die Familie auf den Hasenbühl.

„In diese Baracken wurde erstmals zum 10. März 1951 eine Gruppe von 107 ‚Displaced Persons‘ (DP) eingewiesen, die unter der deutschen Verwaltung nun die Bezeichnung ‚Heimatlose Ausländer‘ erhalten hatten.“ So berichtet es Andreas Kolb in seiner wissenschaftlichen Arbeit. Sie heißt „Die Geschichte der in Lager lebenden ‚Displaced People‘ in Schwäbisch Hall von 1945 bis 1962“. Das Werk wird im Haller Stadtarchiv aufbewahrt.

Verfasst wurde es im Jahr 1996 von dem Mainhardter Kolb an der Uni Mannheim. „Bei der Besetzung Schwäbisch Halls traf die siebte US-Armee auf zirka 1000 ‚Displaced Persons‘. Am 24. Mai 1945 wurde von Major Philip C. Lewis in einem Bericht an das US-Hauptquartier eine Zahl von 3500 Personen genannt, von denen sich 1700 in der Stadt und 1800 im Landkreis aufhalten sollten.“ Dort waren sie vor der Befreiung zur Zwangsarbeit verpflichtet. Viele dieser DP wurden repatriiert, konnten wieder in ihr Land zurück. Vielen war das, auch wegen der politischen Lage in ihren Ländern, nicht möglich. Sie blieben in Deutschland, wurden aber nicht integriert.

Zu dieser Gruppe gehört die ukrainische Familie Danczyk. Die DP kamen aus neun verschiedenen Ländern. Die Lager waren über ganz Süddeutschland verteilt. Die verschiedenen Nationalitäten machten das Zusammenleben nicht einfach. Es gab viel Streit, meist ging es dabei um die zahlreichen Kinder, die ein Drittel der Bewohner ausmachten. Die Verhältnisse waren äußerst ärmlich. „Wir hatten kein Wasser und keine Toiletten in den Baracken“, schreibt Danczyk, „wir bekamen ein bisschen Geld von der Regierung und wir bekamen Kleidung gespendet. Manche Kinder von Hasenbühl hatten Läuse.“

Das Schlimmste sei der Gang zur Schule gewesen. Sie mussten zu Fuß nach Sulzdorf laufen. In der Schule redeten die deutschen Kinder nicht mit ihnen. Weil die kleine Anna mittags nicht heimgehen konnte, gab die Mutter einer Bäuerin, die in der Nähe der Schule wohnte, Geld, damit sie der Tochter eine warme Suppe gab. Auch die Bäuerin sprach nicht mit dem Mädchen.

Die Lagerlebenden hatten kaum eine Chance, zu ihrer kargen Sozialhilfe etwas dazu zu verdienen: Zum einen weil der Hasenbühl nicht in Stadtnähe war, zum anderen weil deutsche Arbeitnehmer gegenüber den Hasenbühlern bevorzugt wurden. „Trotz einer zwölfjährigen Existenz des DP-Lagers in Hasenbühl führte die Lagergemeinschaft ständig ein Schattendasein und wurde zu keiner Zeit von der Öffentlichkeit wahrgenommen“, schreibt Andreas Kolb.

„Wir waren so arm“, berichtet Anna Danczyk. „Als ich zwölf Jahre alt war, wurde das Lager Hasenbühl aufgelöst und wir zogen in eine Wohnung in die Stadtheide. Meine Eltern heizten mit Holz und Kohle. Meine zwei Schwestern und ich gingen in die Schule auf dem Rollhof. Das Leben wurde ab dann besser für uns.“

Nachdem das Lager in Hasenbühl aufgelöst wurde, baute die Stadt mit staatlicher Förderung Gebäude, in denen sozial Schwache und Displaced Persons untergebracht wurden.

Wird Anna Danczyk nach ihrer Jugend gefragt, dann antwortet sie: „Ich bin im Wald aufgewachsen.“ Sie würde sehr gerne einmal wieder nach Deutschland reisen, kann es sich aber nicht leisten.

Zwei Ehen mit amerikanischen Soldaten

Anna Danczyk (68) wurde als Tochter ukrainischer Zwangsarbeiter in Ulm geboren und kam mit drei Monaten in die Baracken auf dem Hasenbühl. Sie ging in Sulzdorf zur Grundschule. Als das Lager geschlossen wurde, wechselte sie zur Rollhofschule. Danach begann sie in einem Haller Spielzeuggeschäft zu arbeiten. Sie hörte aber wieder auf, weil sie nur putzen durfte. Danczyk arbeitete in verschiedenen Fabriken, bis sie einen amerikanischen Soldaten kennenlernte. 1968 wurde ihre Tochter geboren. Ein Jahr später verließ der Mann sie, weil er in die USA zurückkehrte. Anna Danczyk heiratete einen anderen US-Soldaten. 1974 zog sie mit ihm in die Vereinigten Staaten und bekam noch sieben Kinder. Sie lebt heute im US-Bundesstaat Wisconsin. sasch

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