Theater Zwietracht, wie sie das Leben schreibt

Neben den Zankereien der Dorfbewohner, spielt in dem Stück „Die Kirche bleibt im Dorf“ eine Liebesgeschichte eine Rolle .
Neben den Zankereien der Dorfbewohner, spielt in dem Stück „Die Kirche bleibt im Dorf“ eine Liebesgeschichte eine Rolle . © Foto: Württembergischen Landesbühne Esslingen
Ortsmarke / Ernst-Walter Hug 17.01.2018

Madlen Bogudinov vom Sekretariat der Theatergemeinde Ilshofen war zufrieden, verteilte gelb-rote Rosen an die Akteure. 241 zahlende Besucher sowie Schauspieler und Techniker der Württembergischen Landesbühne Esslingen (WLB) hatten einen schönen Abend miteinander verbracht. Seit 65 Jahren, seit der Einweihung der alten Stadthalle 1952, tritt die WLB in Ilshofen auf. Mit vier bis sechs Auftritten pro Saison belebt die WLB das kulturelle Leben in dem Hohenloher Landstädtchen, diesmal mit dem schwäbischen Mundartstück „Die Kirche bleibt im Dorf“.

Für manchen nicht-schwäbischen Schauspieler wie für den einen oder anderen ur-hohenlohischen Zuschauer eine Herausforderung. Wie sagte lächelnd der Mann vom Sicherheitsteam der Veranstaltung in der Pause?
„Wörter wie ‚Gsälz‘ versteh‘n wir hier schon. Schließlich ist unser Landstrich ja seit mehr als 200 Jahren württembergisch. Aber manche Ausdrücke klingen für mich wie eine Fremdsprache.“

Wein, Liebe und ein Schlagloch

Den Spaß an der Geschichte minderte dies kaum. Rivalitäten zwischen benachbarten Orten  haben schon immer für komische Momente gesorgt. Legendär sind die unterschwelligen Disharmonien zwischen Köln und Düsseldorf, oder im Ländle die historisch bedingten Zwistigkeiten zwischen Crailsheim und Schwäbisch Hall oder besonders in Faschingszeiten Bühlerzell gegen Bühlertann. Im Stück „Die Kirche bleibt im Dorf“ sind es die Dörfer Oberrieslingen und Unterrieslingen.

Es geht also um Riesling-Wein? Aber nein, mitnichten. Obwohl: Der Wein spielt schon eine Rolle, wenn man sich im Theaterstück den Dorfpfarrer ansieht, der ab und an über die Bühne torkelt, als sei er nur wegen des Messweins Priester geworden. Es geht um die Kirche beider Dörfer, die im Oberdorf steht, um den Friedhof beider, der im Unterdorf liegt, sowie um ein nie geflicktes Schlagloch auf der Markungsgrenze. Und: Es geht um Liebe – auch wenn das im Theaterstück, das mit vielen Gesangseinlagen teilweise wie ein schwäbisches Musical daherkommt, gar nicht in den Vordergrund gespielt wird. Autorin Ulrike Grote entwickelte „Die Kirche bleibt im Dorf“ als Drehbuch für einen Spielfilm, den seit 2012 rund eine halbe Million Menschen gesehen haben. Aus dem Film entstand eine 24-teilige SWR-Fernsehserie. Wie bei den Ortschafts-Fehden hat sich Grote beim Thema Liebe historisch bedient. Liebe zwischen Kindern verfeindeter Familien, das gab es doch schon mal: bei Romeo und Julia. Und das Originalmanuskript – war denn Shakespeare wirklich mal im Schwäbischen? – steckt in der Handlung als Pergamentrolle in der Figur des Tauf­engels der Oberrieslinger Kirche.

Kirche aus Eisenstangen

Ein reicher Amerikaner, der davon erfahren hat, kommt, möchte die Kirche kaufen, abbauen und nach Amerika schaffen. Doch er wird ausgetrickst, verführt und verliebt sich in seine Verführerin. Ende gut, alles gut, sogar die verfeindeten Dörfler halten Frieden. Die Kirche – auf der Theaterbühne in der Stadthalle Ilshofen aus Eisenstangen gestaltet – sie bleibt im Dorf. Auch die ins Schlagloch purzelnden Traktoren der Akteure wurden aus Eisenstangen gefertigt – ein schöner optischer Gag von Regisseurin Christine Gnann und Bühnenbildnerin Judith Philipp.

Ein unterhaltsames Stück. Doch wie bei einem Film, zu dem man schon das Buch gelesen hat, vermisst man bei diesem Theaterstück so manches, jeder Betrachter vermutlich anderes. Und das ist der „Lustspielstimmung“ etwas abträglich. Vielleicht sollte man das Stück lieber den Laiendarstellern von dörflichen Jahresfesten überlassen, statt es auf einer Profibühne zu spielen. Es wirkte sicher authentischer. Dennoch war der Beifall groß in Ilshofens Stadthalle. Nach dem Schlusslied des Ensembles gab es sogar „Zugabe“-Rufe. Und die gab es wirklich. Das Schlusslied wurde wiederholt.