Freilichtspiele Zusammenspiel beim internationalen Jugendtheaterfestival

Schwäbisch Hall / Sonja Alexa Schmitz 24.04.2017
Beim 7. internationalen Jugendtheaterfestival in Hall haben 120 Teilnehmer aus verschiedenen Ländern in professionellen Workshops mit- und voneinander gelernt.

Schwäbisch Hall war zum siebten Mal Treffpunkt für internationale Jugendtheaterproduktionen. Jugendliche aus Deutschland, Griechenland, Russland, Kenia, Ungarn und der Türkei haben wir zu ihren Erlebnissen in den verschiedenen Workshops befragt:

Magnus Wörz (16) aus Gaildorf: „Ich spiele Theater in der AG vom Schenk-von-Limpurg-Gymnasium. Ein Lehrer hat mich angesprochen, ob ich beim Jugendtheaterfestival mitmachen wolle. Ich habe früher schon immer gerne Aufführungen angeschaut und Schauspielen hat mich interessiert. Dieses Jahr haben wir drei Theaterprojekte und es wird viel geprobt. ‚All you need is Love’ heißt das Stück, das wir für das Jugentheaterfestival aufführen. Es ist eine Art Musical.

Das Zusammensein mit anderen Kulturen klappt jeden Tag besser. Wir tauschen uns mehr und mehr aus und erzählen uns Sachen aus unseren Ländern. Mit einem Türken habe ich über Erdogan gesprochen und über das türkische Schulsystem. Andere Nationalitäten haben zwar gleiche Ideen, aber sie bringen sie oft anders rüber. Viele von ihnen haben ein großes Selbstbewusstsein. Ich besuche den Workshop ‚Spielen mit Requisiten’ und habe gelernt, mehr auf die Requisiten auf der Bühne einzugehen.“

Yaroslav Seyunin (20) aus Russland: „Ich komme aus Tschaikowski, das Luftlinie mehr als 3000 Kilometer von Hall und 42 Stunden Reisezeit entfernt ist. Ich bin zum zweiten Mal beim Festival dabei. So treffe ich alte Gesichter wieder und lerne neue kennen. Das ist toll! Es geht hier um Gefühle und davon gibt es eine Menge. Zwischen uns herrscht eine ganz positive Energie. Und all das an einem wundervollen Ort. Mein Lieblingsplatz ist der Platz um die Kirche St. Michael. Wer an den Workshops teilnimmt ist offen und freundlich gestimmt. Und das spürt man im Miteinander. Das ist sehr positiv. Wir sprechen nicht dieselbe Sprache und die Kommunikation ist nicht immer einfach, aber umso erstaunlicher und schöner sind unsere Ergebnisse.

Weil die Deutschen unsere Sprache nicht verstehen, haben wir ein Stück ohne Worte vorbereitet. Beim letzten Festival haben die Zuschauer geweint, es war ein Drama. In meiner Heimat spiele ich seit zehn Jahren in einem kulturellen Zentrum Stücke für Kinder und Jugendliche. Außerdem studiere ich Schauspiel. Als ich das erste Mal in Schwäbisch Hall war hatte ich sozusagen einen positiven Schock. So vieles war anders. Zum Beispiel die Ruhe am Abend. Wenn ich in meiner Stadt, die nicht viel größer ist als Hall, ausgehe, dann sind da viele Menschen unterwegs. Hier nicht. Für die Kenianer war der Schnee neulich ein Schock. Für uns Russen ist das normal. Bei uns liegt jetzt noch ein bisschen Schnee.“

Monica Atieno (26) aus Kenia: „Ich bin aus Nairobi und Schauspielerei ist mein Beruf. Meine Kollegen und ich spielen nicht nur, wir arbeiten auch im sozialen Bereich. Wir gehen zu benachteiligten Kindern und ins Frauengefängnis und veranstalten dort Workshops. In Kenia hat Theater keinen hohen Stellenwert. In der Hauptstadt gibt es nur zwei Theater. Wenn einer sagt, ‚ich schaue heute Theater‘, dann fragt der andere: ‚Auf welchem Sender?‘. Theater gibt es fast nur im Fernsehen.

Darum war ich auch so überrascht, wie sehr Schauspiel in Deutschland wertgeschätzt wird. Ich möchte den Deutschen gerne zeigen, wer wir Kenianer sind. Viele werden nie dorthin reisen, also können sie hier erfahren, wie wir sind. Ich bin zum zweiten Mal beim Festival dabei. Ich musste zuerst einmal lernen, wie das Publikum hier so ist. Wir hatten Angst, dass die Leute gelangweilt sind, dabei haben sie aufmerksam zugehört. Das ist bei uns anders. Das Publikum ist laut, es wird telefoniert und herumgelaufen. Hier stehen die Zuschauer sogar auf, um zu applaudieren!

Ich war schon in ganz Europa, auch in vielen Städten in Deutschland und ich muss sagen: Schwäbisch Hall ist einzigartig! Die Häuser hier sind wie eine Kulisse, schöner als Berlin oder Frankfurt. Ich habe einen Workshop fürs Singen belegt. Das ist sehr lustig, denn jeder singt Lieder aus seinem Land in seiner Sprache.“

Levente Csa‘k (22) aus Ungarn: „Ich studiere Informatik in Budapest und in meiner Freizeit spiele ich in einer Theatergruppe an der Schule. In Ungarn hat Theater eine lange Tradition, denn einst war Budapest ein Zentrum der Bühnenkunst. In fast jeder Schule gibt es eine Theatergruppe. Vor vier Jahren habe ich ein Stück geschrieben, das wurde hier beim Jugendtheaterfestival aufgeführt. Ich konnte damals nicht dabei sein wegen Prüfungen, aber dieses Jahr hat es zum ersten Mal geklappt.

Das Jugendtheaterfestival ist perfekt organisiert. Alle hören einem zu, erfüllen unsere Bedürfnisse, sei es beim Essen und ähnlichem, und alle sind total freundlich. Im Workshop bin ich bei einer sehr netten englischen Lady, die uns das körperorientierte Spielen beibringt. Wir sind alle sehr motiviert und lernbegierig – eine tolle Atmosphäre! Ich habe schon einiges gelernt über Körpersprache und Bewegungen und viele Anregungen bekommen. Hier kommen Menschen aus verschiedenen Ländern zusammen, alle haben eine andere Energie. Dabei sind alle sehr freundlich und man respektiert einander und passt irgendwie aufeinander auf.“

Marinella Meka (21) aus Griechenland: „Ich bin Albanerin, lebe aber in Griechenland. Ich spiele dort in einer Theatergruppe in der verschiedene Nationalitäten vertreten sind. Theater hat in Griechenland nicht so eine große Bedeutung wie hier. Aber wenn die Leute hingehen, dann geben sie viel Geld dafür aus. Ich habe Tourismus studiert und suche nun einen Job.

Das hier ist eine große Erfahrung für mich und eine große Chance, mehr kennenzulernen. Zum Beispiel über Afrika und das Problem, als Theaterschauspieler überhaupt wahrgenommen zu werden. Wir schlafen ja alle gemeinsam in der Blendstatthalle. Das ist eine schöne Atmosphäre, vor allem wenn wir abends zusammen sitzen, Spiele spielen oder Lieder singen. Morgens brauchen wir Griechen immer ein bisschen länger um beim Frühstück zu sein. Wir sind generell sehr entspannt, nehmen die Uhrzeiten normalerweise nicht so genau. Vor der Premiere werden wir dann nervös und lernen bis zur letzten Minute unseren Text. Ich habe mich zum Workshop ‚Afrikanischer Tanz’ angemeldet. In diesem steckt unheimlich viel Kraft und Energie. Ich habe überall Muskelkater. Am Ende des Vormittags massieren wir uns gegenseitig, das ist das Schönste. Von Anfang an war die Stimmung gut, es gab keine Berührungsängste. Wir sind alle zum Spaß hier, keiner sieht Konkurrenz im anderen.“

Lauren Breuninger (22) aus Schwäbisch Hall: „Ich spiele seit Jahren bei „Leichtspielfrei“ mit. Beim Jugendtheaterfestival bin ich schon zum zweiten Mal als Betreuer dabei. Ich mache um Mitternacht in der Blendstatthalle, wo alle schlafen, das Licht aus, schaffe Sachen hin und her, bin Ansprechpartner und so weiter. Man ist immer gefordert, das macht Spaß. Das ist aber auch eine intensive Woche und wenn die rum ist, werde ich ein lachendes und ein weinendes Auge haben. Mir werden die vielen jungen Leute in der Stadt fehlen. Es braucht meist einen Tag, dann haben sich die einzelnen Grüppchen miteinander vermischt.

Mich fasziniert, wie hier ohne gemeinsame Sprache kommuniziert werden kann. Wenn die anderen ihr Stück in einer fremden Sprache spielen und ich doch so viel verstehe. Ich bin beeindruckt vom Ehrgeiz der Russen. Ihre Disziplin ist bewundernswert. Die Türken sind morgens immer die Ersten, die auf sind. Die Afrikaner haben eine unglaubliche Energie. Sie werden auch nach mehreren Stunden Workshop nicht müde. Und nach einem Theaterstück klatschen sie am längsten. Ich mache hier beim Workshop ‚Afrikanischer Tanz’ mit. Das ist wahnsinnig anstrengend, ich spüre es überall. Bei der Morgenrunde, die mit einem gemeinsamen Tanz beginnt, trommeln die Afrikaner und die Russen bringen sich voll ein. Ich finde es toll zu sehen, wo jeder seine Begabung hat – und am Ende haben alle ihren Spaß.“

Bengisu Gülüm (19) aus der Türkei: „Ich komme hier aus dem Staunen nicht mehr raus. Ich beobachte, wie wir Türken sind und wie die anderen sind. Wir sind viel zurückhaltender als die anderen. Wir sind nicht so frei wie die anderen, die sich in der Halle einfach ausziehen. Ich sehe laufend Nackte um mich herum. Wir sind da prüder. Und wir nehmen uns mehr zurück, denken immer erst an den anderen, lassen ihm den Vortritt. Ich bin hier im Workshop ‚Afrikanischer Tanz – ich sterbe!’. Das ist so anstrengend.

Ich bin beeindruckt von der Energie der Russen. Wenn ich abends schlafe, sind sie noch auf, und wenn ich aufwache, sind die schon wach. Mich begeistern die Deutschen, ihr Arbeitseifer und ihr Ehrgeiz. Und die Pünktlichkeit der Busse. 9.47 Uhr steht auf dem Plan – und er kommt genau dann.

Ich habe auch viel Neues probiert. Zum Beispiel einen Tee aus einem Geschäft, der heißt: ‚Forever in Love in Schwäbisch Hall’. Ich liebe ihn! Ich bin aus Balkesir, gehe noch zur Schule. Wir haben dort eine Theatergruppe, in der ich mitspiele. Wo es mich  danach hinführt, weiß ich noch nicht. Ich würde gerne Chemie-Ingenieurin werden oder etwas bauen, das explodiert. Klingt komisch, aber ich mag es, wenn es knallt.